Den Frieden exportieren

Die vier «Friedenstische», die der Künstler H. R. Fricker im Rahmen des Dunant-Jahres entwickelte, dienen nicht nur in Heiden für private Friedensgespräche. In der deutschen Hauptstadt Berlin steht der erste Tisch schon bereit.

Guido Berlinger-Bolt
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Die realen Tische (hier der «Berliner») ziehen viele Menschen an. (Bild: pd)

Die realen Tische (hier der «Berliner») ziehen viele Menschen an. (Bild: pd)

Heiden/Berlin. Er stand auf dem Dunant-Platz an der Seeallee – nun steht er mitten in Berlin, im Garten des Generalsekretariats des Deutschen Roten Kreuzes (DRK): einer der vier «Friedenstische» von H. R. Fricker. In Berlin fand eine eindrückliche Übergabefeier statt. Mit dabei: Eine Delegation des Vereins Dunant-Jahr 2010, Vizepräsident und Leiter der Arbeitsgruppe Frieden Hansjörg Ritter, des weiteren Monika Gessler, Urs Rennhard und Maria Schnellmann. Letztere hat das künstlerische Projekt des Dunant-Jahres von Anfang an begleitet.

Nach einer Führung durch den Hauptsitz des DRK habe im Garten die Übergabefeier stattgefunden, berichtet Schnellmann.

Reise nach Deutschland

Neben den Heidlern nahmen daran die DRK-Spitze und Vertreterinnen und Vertreter der Landesverbände sowie der stellvertretende Schweizer Botschafter in Deutschland teil.

Und Kinder: Ein Dutzend Schülerinnen und Schüler aus der Schule des Quartiers, die den Namen Dunant-Grundschule trägt, inszenierten Konflikte und den Umgang mit ihnen, wie er an ihrer Schule gepflegt wird. Konfliktlotsen schlichteten zwischen zwei Kontrahenten. «Oberspannend», blickt Maria Schnellmann auf die gespielten Szenen zurück. Die Tragweite von H. R. Frickers Werk realisiere sie erst jetzt: «Fricker löst etwas aus!»

Die Tische werden auch in Heiden stark frequentiert. «Wer sich niedersetzt, muss den Text der <Heidener Konvention> fast lesen», sagt Hansjörg Ritter. Und schon befasse man sich mit den Themen Streit, Krieg, Frieden, Humanität, Solidarität. Von der Wirkung der Tische ist er überzeugt. Die Feier in Berlin empfand auch der Vizepräsident des Dunant-Jahres 2010 als «beeindruckend».

Dort anerkennt man das Geschenk aus Heiden als «grosse Auszeichnung»; so äusserte sich der Präsident des DRK Rudolf Seiters. «Im 100. Todesjahr Henry Dunants soll mit dem interaktiven Kunstwerk des <Friedenstisches> in zeitgemässer Weise an die Werte erinnert werden, die Dunant uns hinterlassen hat.» Die «Friedenstische» also haben ihre Reise durch Raum und Zeit angetreten: Sie übersetzen Dunants Ideen aus der Sprache und den Konventionen des 19. Jahrhunderts in eine aktuelle Alltagssprache.

Anderer Ort, andere Zeit

H. R. Fricker selber befindet sich zurzeit in einem Rehabilitationsaufenthalt und konnte deshalb selber nicht nach Berlin fahren. In seiner Grussbotschaft sprach der Trogner eben diese bestechende Eigenschaft der Rot-Kreuz-Flagge an, die auch eine Eigenschaft des Tisches für Friedensgespräche zur Beilegung zwischenmenschlicher Konflikte ist: Beide nämlich machen aus einem beliebigen Ort einen Anders-Ort, an dem eine andere Zeit und andere Gesetze gelten.

Das bedeutet zunächst: Schutz vor jeglicher Form von Gewalt. Das bedeutet dann aber auch Humanität und Solidarität. 1864 hätten, so Fricker, 14 Staaten die Genfer Konvention unterzeichnet; sie regelt die Konfliktlösung zwischen den Staaten. Bis heute hat sich vieles verändert. 2010 steht mehr denn je das Individuum im Zentrum; mit den «Friedenstischen» und der Heidener Konvention brach Fricker die grosse Diplomatie auf eine tiefere, individuelle Ebene herunter. Die Idee, einzelne der Tische zu verschenken, kam erst im Verlauf der letzten Monate.

An den Hauptversammlungen des Vereins hätten, so Hansjörg Ritter, jeweils auch Vertreter aus anderen Städten wie Genf und Stuttgart teilgenommen; auf das Angebot habe Berlin als erste Stadt reagiert. Und kam so zum Handkuss. Der zweite der «Friedenstische» verlässt Heiden in Richtung Stuttgart.

Der Erfolg der Konfliktlotsen der Dunant-Grundschule in Berlin. (Bild: pd)

Der Erfolg der Konfliktlotsen der Dunant-Grundschule in Berlin. (Bild: pd)