«Demokratie ist Teil der Kirche»

Theo Keller aus Wittenbach wird am Dienstag voraussichtlich zum Präsident des Katholischen Kollegiums gewählt. Zuletzt präsidierte er die Regionalgruppe Rorschach des Kirchenparlaments. Toleranz, Dialog und Demokratie sind ihm wichtig.

Rafael Rohner
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«Dem System Sorge tragen»: Theo Keller im Wohnzimmer seines Hauses in Wittenbach. (Bild: Ralph Ribi)

«Dem System Sorge tragen»: Theo Keller im Wohnzimmer seines Hauses in Wittenbach. (Bild: Ralph Ribi)

wittenbach. Der umstrittene ehemalige Bischof von Chur, Wolfgang Haas, wäre im Bistum St. Gallen wohl nie Bischof geworden, sagt Theo Keller. Dies weil das Katholische Kollegium im Kanton St. Gallen bei der Wahl des Bischofs Mitspracherechte habe. Das sei einzigartig, sagt Keller. «Dadurch können Bischöfe mit, sagen wir, besonderen Ansichten verhindert werden.» Andernorts bestimme Rom den Bischof von sich aus.

Unter anderem diesem Stück Demokratie wolle er während seiner Zeit als höchster Katholik des Bistums St. Gallen Sorge tragen.

Der 65jährige Wittenbacher ist der erste, der das Katholische Kollegium zwei Jahre lang präsidieren wird. Bisher war die Amtszeit auf ein Jahr beschränkt. Durch die Änderung entstehe mehr Kontinuität und der Präsident habe mehr Zeit, Kontakte zu knüpfen, sagt Keller.

Das Katholische Kollegium, das er voraussichtlich präsidieren wird, besteht aus 180 Mitgliedern, die von den Kirchbürgerinnen und Kirchbürgern im Kanton St. Gallen gewählt werden.

Fragilem System Sorge tragen

Als Präsident des Kollegiums leite er unter anderem Sitzungen, sagt Keller. Insgesamt habe er ähnliche Aufgaben wie ein Parlamentspräsident auf kantonaler Ebene. Er könne auf den Inhalt der Diskussionen also nur bedingt Einfluss nehmen.

Wichtig sei ihm vor allem der respektvolle Dialog und Umgang während der Sitzungen und dass dem System Sorge getragen werde. Im Gegensatz zu anderen Bistümern funktioniere es in St. Gallen nämlich sehr gut. «Aber nicht automatisch», fügt er hinzu. Das Zusammenspiel von kirchlicher Leitung und Kollegium sei fragil. «Wenn der Klerus in die Pedale tritt und das Kollegium hinten bremst, also beispielsweise kein Geld für kirchliche Projekte spricht, dann blockieren sich beide gegenseitig und die Kirche tritt an Ort und Stelle.

» Eine Kirche aber, die mit der Zeit geht und nicht stehenbleibt, sei wichtig. Den Reformstau in der katholischen Kirche gelte es zu lösen und Themen, die unter den Nägeln brennen, auszusprechen. Das sei allerdings in erster Linie die Aufgabe der kirchlichen Leitung und nicht des Kollegiums.

Jetzt erst recht

Die Häufung der Austritte aus der katholischen Kirche stehe sicherlich auch in einem Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen, sagt Theo Keller. Als Antwort darauf könne man nun sagen: «Mit der Kirche will ich nichts mehr zu tun haben.

» Oder aber: «Jetzt muss ich mich erst recht einsetzen.» Denn Religion, da ist er sich sicher, sei nach wie vor wichtig. Der Mensch brauche Grundwerte. Gerade jetzt, wo die Individualisierung der Leute und der Rückzug ins Private immer weiter fortschreite. Nicht nur die Kirche, auch Vereine oder politische Parteien würden immer weniger Leute finden, die sich engagieren.

Daraus könne Orientierungslosigkeit und schliesslich als Gegenreaktion, die Flucht in extreme Positionen und Fundamentalismus entstehen. Solche Spannungsfelder müsse die Kirche aufgreifen und besprechen.

Ihn hätte Religion schon immer interessiert, sagt Keller. Vor allem auch der geschichtliche Hintergrund. Theologie studieren wollte er deswegen nicht. Stattdessen hat er sich zum Sozialarbeiter und Sozialpädagogen ausbilden lassen. In seiner Wohnung hängt nirgendwo ein Kreuz.

Warum? Der vermutlich ab Dienstag höchste Katholik des Kantons lacht. Kürzlich hätten Maler die Wand neu gestrichen. Normalerweise hange eines neben dem Kamin.

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