Demokratie erforschen und lehren

Philosoph Otfried Höffe skizziert ein «Weltrechterbe», Journalist Ulrich Tilgner erläutert Verantwortung des Westens fürs Desaster im Orient. Sie eröffnen damit die Fachstelle für Demokratiebildung und Menschenrechte der Pädagogischen Hochschule St. Gallen.

Fritz Bichsel
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Thomas Metzger, Co-Leiter Fachstelle Menschenrechte und Demokratiebildung. (Bild: pd)

Thomas Metzger, Co-Leiter Fachstelle Menschenrechte und Demokratiebildung. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Die PHSG als Ausbildungsstätte für Lehrkräfte im Kanton forscht auch. Mit der neuen Fachstelle geht sie Fragen um Demokratie und Menschenrechte vertieft an: Durch das Erarbeiten von Wissen und das Entwickeln didaktischer Mittel, mit denen Lehrkräfte dieses Schülern vermitteln können. Entsprechend hat sie mit Johannes Gunzenreiner und Thomas Metzger zwei Co-Leiter.

Die offizielle Eröffnung der Fachstelle erfolgt am 70. Jahrestag des Kriegsendes in Europa. Zur Wahl dieses geschichtsträchtigen Tages sagt PHSG-Rektor Erwin Beck des Gästen, Dozierenden und Studierenden in der Olma-Halle: «Der 8. Mai erinnert uns an eine der grössten Tragödien der Menschheit, an unermessliches Leid. Aber er bedeutet auch Ende von Krieg und Terror, Neuanfang von Hoffnung.» Angesichts aktueller Barbarei, Kriege und Ausgrenzung von Randgruppen könnte der Eindruck entstehen, der Kampf um Frieden und Respektierung der Menschenrechte sei hoffnungslos. Auf Fragen, wie er trotzdem zu gewinnen sei, suche die PHSG «ermutigende Antworten». Geschichtsunterricht zur Förderung einer Erinnerungskultur – auch an Holocaust-Gedenkstätten – habe bei ihr Tradition.

Auch für die Öffentlichkeit

PHSG-Prorektor Martin Annen erklärt, die neue Fachstelle mache es sich zur Aufgabe, «Phänomene rund um die Bildung von Demokratien, um die Bildung zur Demokratie und um Menschenrechte zu dokumentieren, zu verstehen, zu erklären, zu beschreiben und – als ganz grosse Aufgabe – daran zu erinnern».

Co-Leiter Thomas Metzger sagt, die PHSG greife mit der neuen Fachstelle für Demokratiebildung und Menschenrechte ein Thema auf, dem gesellschaftlich und auch bildungspolitisch hohe Bedeutung beigemessen werde. Sie wolle beitragen, dass sich Schüler mit zentralen Herausforderungen unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Mittel- bis langfristig solle diese Arbeit auch Weiterbildung von Lehrpersonen und Unterrichtsmaterial ermöglichen.

«Mit unserem Geschichtsunterricht haben wir nicht allein eine interne Lehr- und Bildungsaufgabe, sondern auch einen Auftrag für Öffentlichkeitsarbeit», sagt Rektor Beck. Auch dazu sei die neue Fachstelle dienlich. Sie leiste diesen Teil mit regionalem und lokalem Bezug, kündigt Thomas Metzger an.

Friedliche Koexistenz möglich?

Der deutsche Philosoph Otfried Höffe, der auch an Schweizer Universitäten lehrte, zeigt auf: Der Wunsch nach Demokratie und Menschenrechten, nach Gerechtigkeit besteht weltweit – trotz aller Unterschiede von Kulturen und Religionen. Das ziehe sich seit Jahrtausenden durch Lehren in allen Kulturkreisen. Er ruft auf, dem «Kampf der Kulturen» ein «Weltrechterbe» entgegenzusetzen, Das brauche Zeit, aber das Potenzial für eine «föderalistische Weltrepublik» sei vorhaben.

Demokratie und Menschenrechte forderten die Menschen auch im Nahen Osten. Ulrich Tilgner, mit langjähriger Erfahrung als Fernsehkorrespondent in diesem Teil der Welt, erläutert zur Eröffnung der PHSG-Fachstelle, warum es stattdessen zum Desaster kam. «»Eine Spur der Verantwortung führt zurück ins Abendland.» Westliche Kolonialmächte hätten die Mehrheit der heutigen Staaten im Orient künstlich geschaffen mit Herrscherfamilien, die auch jetzt an der Macht blieben. Und die USA unterstützten in den anderen Staaten undemokratische, gegen Menschenrechte verstossende Regime. Mit ihren Kriegen Demokratie und Menschenrechte in den Orient zu bringen, sei nicht möglich. Weil die führenden Westmächte da nichts änderten, komme Ländern wie die Schweiz eine wichtige Rolle zu.

«Flüchtlinge im Hadwig»

Die offizielle Eröffnung gestern abend, als die Welt des Weltkrieg-Endes gedachte, war nicht der erste Schritt der neuen Fachstelle. Sie gestaltete auch bereits eine öffentlich zugängliche Ausstellung: «Flüchtlinge im Hadwig» zu jenen tausend Juden, die im heutigen Zentrum der PHSG in St. Gallen Aufnahme fanden. Das ist dort ab heute bis zum 25. September zu sehen.

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