Demenz hat viele Gesichter

Verlorene Blicke, fahrige Hände, fragende Gesichter: Eine Ausstellung im Kulturraum des St. Galler Regierungsgebäudes zeigt eindrückliche Fotografien von alten Menschen. Sie alle sind an Alzheimer erkrankt.

Claudia Schmid
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Preisgekröntes Bild: Alzheimer-Betroffene, gesehen von Peter Ganser. (Bild: pd)

Preisgekröntes Bild: Alzheimer-Betroffene, gesehen von Peter Ganser. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Der 39jährige Fotograf Peter Granser hat ein halbes Jahr lang in einem Stuttgarter Heim für demenzkranke Menschen eine Werkserie aufgenommen, die den Arles Discovery Award und den Deutschen Sozialpreis erhalten hat. Mit seiner Fotoserie, die in der Schweiz erstmals im September 2009 zu sehen war und nun in St. Gallen halt macht, will er die Krankheit aus dem Versteck holen und sie an die Öffentlichkeit bringen. Ergänzt werden die Bilder durch Aufnahmen von Katharina Wernli und Dominique Meienberg.

Krankheit wird spürbar

Die Ausstellung, die den Titel «Was soll ich sagen? Alzheimer.» trägt, feierte am Freitagabend Vernissage. Peter Granser habe sich den Verletzungen, der Angst und Hilflosigkeit der demenzkranken Menschen sensibel genähert, würdigte Kultur- und Kunstwissenschafter Peter Röllin, Leiter der IG Halle in Rapperswil, die Bilder des Fotografen aus Deutschland. Seine Arbeit bringe den Betrachtenden die Krankheit näher.

Die teils sanften, teils verärgerten, teils verloren lächelnden Gesichter machten spürbar, wie sich Demenz anfühle.

Peter Röllin erzählte von einer Begegnung, die er in der Bibliothek von Oxford hatte. An einer Führung habe er einen Mitarbeiter angetroffen, der seine an Alzheimer erkrankte Ehefrau am Bibliotheksgeschehen habe teilnehmen lassen.

Es habe ihn sehr beeindruckt, dass die Frau nicht – wie so oft – mit ihrer Krankheit isoliert, sondern in den Alltag integriert worden sei.

Der St. Galler Stadtrat Nino Cozzio sprach an der Vernissage die gesellschaftliche Dimension der Krankheit an. In der Schweiz lebten über 100 000, im Kanton St. Gallen rund 6000 Menschen mit Demenz.

«Angesichts dieser Zahlen ist es verwunderlich, dass die Krankheit in Politik und Gesellschaft nicht ein grösseres Thema ist», betonte er.

Gesellschaft ist gefordert

Für die Angehörigen bedeute die Betreuung der Erkrankten eine gewaltige Aufgabe. Dies sei ein Aspekt, der auf Gemeindeebene interessieren müsse, weil man stark auf die Freiwilligenarbeit angewiesen sei. «Es braucht Unterstützungsmassnahmen.

Angesicht des Spardrucks, der aus der Pfalz kommt, wird es aber sehr schwer werden, entsprechende Projekte aufzugleisen.»

Tuchfühlung mit Alzheimer: Vernissagebesucher an der Fotoausstellung in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Tuchfühlung mit Alzheimer: Vernissagebesucher an der Fotoausstellung in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)