Dem Bildhauer fehlten die Konturen

Er wollte «bunt regieren statt grau verwalten». Stattdessen hisst Veit Rausch nun die weisse Fahne. Damit geht seine Kandidatur für das Amt des Stadtpräsidenten zu Ende, ehe sie überhaupt richtig begonnen hat.

David Gadze
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Er wollte «bunt regieren statt grau verwalten». Stattdessen hisst Veit Rausch nun die weisse Fahne. Damit geht seine Kandidatur für das Amt des Stadtpräsidenten zu Ende, ehe sie überhaupt richtig begonnen hat. Veit Rausch hätte angesichts der politischen Realitäten wohl ohnehin keine Chance gehabt, Thomas Scheitlin aus dem Amt zu drängen. Seine Kapitulation ist dennoch überraschend, aber auch logisch.

Dass sich Veit Rausch zurückzieht, weil er sich seine Visionen nicht kaputtmachen lassen will, ist konsequent. Gleichzeitig zeigt es, dass er die Bedeutung einer solchen Kandidatur falsch eingeschätzt hat. Nach nur einem öffentlichen Auftritt musste Rausch erkennen, dass im Wahlkampf kein Platz ist für Luftschlösser. Seine Vision, aus St. Gallen wieder eine Stadt von Weltformat zu machen, wurde von vielen ebenso mit ungläubigem Kopfschütteln oder mit einem müden Lächeln quittiert wie seine Forderung, den Steuerfuss um rund 15 Prozentpunkte zu senken. Für die Wählerinnen und Wähler waren weder er selbst noch seine Ideen fassbar, die Forderungen zu wenig konkret, die Ziele schlicht unrealistisch. Wer in ein Regierungsamt gewählt werden will, muss mit klaren Positionen und pointierten Zielen punkten. Er muss Schwächen im System aufzeigen können – und wie er diese zu beheben gedenkt. Rausch blieb jedoch vage und lieferte kaum Argumente, ihn zu wählen. Der Bildhauer schaffte es nicht, sich selbst klare politische Konturen zu verpassen. Indem er Thomas Scheitlin öffentlich attestierte, einen guten Job zu machen, nahm er sich selbst den Wind aus den Segeln.

Veit Rauschs Kritik an der «grauen Verwaltung» hat immerhin dazu geführt, dass die amtierenden Stadträte im Wahlkampf Farbe bekennen müssen. Das hätte Rausch selbst wohl auch tun sollen. Für viele Wählerinnen und Wähler war er schlicht zu bunt. Und wenn St. Gallen so gut dasteht wie derzeit, sind sie auch zufrieden, wenn der Stadtrat nur «grau verwaltet».

david.gadze@tagblatt.ch

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