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DEKORIERT: Tabledance an der Fasnacht: "Es kommt vor, dass man betatscht wird"

Alle Jahre wieder tanzen Frauen in den Beizen und lassen ihre Hüllen fallen. Wie früher sei es dennoch nicht, sagt Tänzerin Anika B. vom «Relax».
Arcangelo Balsamo
Anika B. arbeitet seit mehreren Jahren während der Fasnacht im «Relax» in Rorschach. (Bild: Arcangelo Balsamo)

Anika B. arbeitet seit mehreren Jahren während der Fasnacht im «Relax» in Rorschach. (Bild: Arcangelo Balsamo)

Arcangelo Balsamo

arcangelo.balsamo

@tagblatt.ch

Anika B.* gehört seit Jahren zu den Frauen, die während der Fasnachtszeit im «Relax» tanzen und dabei die Hüllen fallen lassen. Sie macht das schon so lange, dass sie gar nicht genau sagen kann, in welcher Fasnachtssaison sie erstmals im Rorschacher Lokal gearbeitet hat. «Ich bin bestimmt zum siebten Mal hier, vielleicht aber auch schon zum achten», sagt sie, während sie an einem der Tische Platz nimmt. Sie trägt ein knappes schwarzes Kleid und hat soeben mit ihrer Schicht begonnen. Im Lokal dominiert derzeit die Farbe Rot. An den Wänden hängen Bilder von leichtbekleideten Damen. In der Mitte der Beiz ist eine Bühne mit einer Tanzstange. Auf dieser treten die Tänzerinnen abwechslungsweise auf und ziehen dabei blank. Die Treppe, die auf die Bühne führt, ist mit einer roten Lichterkette versehen.

Die gelernte Hotelfachfrau ist in ihrer norddeutschen Heimat in einem Büro tätig. Sie leitet eine Agentur, die Tänzerinnen und Promoterinnen vermittelt. Während der Fasnacht ist sie froh, dass sie aus ihrem Alltag flüchten kann. «Dies und das Feiern mit den Gästen sind neben dem finanziellen Zustupf die Hauptgründe, weshalb ich Jahr für Jahr hier arbeite», sagt sie. Ganz ohne Büroarbeit geht es jedoch auch während der Fasnacht nicht. «Meistens stehe ich gegen 10 Uhr auf und arbeite etwa zwei Stunden für die Agentur. Danach schlafe ich nochmals, ehe ich etwas esse und ins ‹Relax› gehe, um zu arbeiten.» Arbeit heisst in diesem Fall vor allem eines: feiern. «Es geht nicht ausschliesslich um Tabledance, sondern darum, sich mit den Gästen zu unterhalten, etwas mit ihnen zu trinken und mit ihnen Party zu machen.» Dass dies gelegentlich zu einem Kater am nächsten Morgen führe, könne passieren. «Dann denkt man jeweils ‹Oh mein Gott›. Aber nach dem ersten Drink geht’s für gewöhnlich wieder. Und wenn man zu tief ins Glas geschaut hat, dann ist man selber schuld. Schliesslich entscheiden wir selbst, wie viel wir mit den Gästen trinken wollen», sagt die Tänzerin.

Einen Absturz – im wahrsten Sinne des Wortes – erlebte Anika B. in einem ihrer ersten Jahre an der Fasnacht. «Es war genau an diesem Tisch», erinnert sie sich. «Während ich darauf tanzte, schüttete einer der Gäste sein Bier aus. Dies führte dazu, dass ich vom Tisch fiel. Das war das Schlimmste, was mir an der Fasnacht je passiert ist.» Ebenfalls unangenehm sei es, wenn sich Gäste unanständig verhielten. «Das kommt aber nur selten vor. Generell sind sie sehr vernünftig. An den Wochenenden, wenn im Lokal Gedränge herrscht, kommt es vor, dass man betatscht wird. Einige wollen einfach austesten, wie weit sie gehen können – vor allem die jüngeren Gäste. Ich musste auch schon lauter werden und setzte mich zur Wehr. Die Mitarbeiter passen jedoch sehr gut auf und wir Tänzerinnen schützen uns auch gegenseitig. Allgemein fühle ich mich hier im Lokal sehr sicher.» Dass Gäste eine Hand auf den Oberschenkel legen, wenn sie neben einem sitzen, damit müsse man als Tänzerin in einer dekorierten Beiz rechnen und umgehen können. «Schliesslich sind wir knapp bekleidet. Dass sich Gäste dadurch angezogen fühlen, ist doch logisch», sagt sie. Das Wichtigste sei, dass man als Tänzerin an der Fasnacht gute Laune und Spass an der Arbeit habe.

Wenn die Feuerwehr kommt, gibt’s eine Polonaise

Wer vermutet, dass es nur Männer in die dekorierte Beiz zieht, der irrt sich: «Wir haben eine grosse Vielfalt an Gästen. Es kommen Männer, Frauen, Paare, Guggenmusiken und Vereine.» Der Besuch einer der Feuerwehren aus der Region sei jeweils ihr persönlicher Höhepunkt, sagt Anika B.. «Darauf freue ich mich auch in diesem Jahr wieder besonders. Es ist beinahe wie ein Familientreffen, an dem ausgelassen gefeiert und getanzt wird. Der Höhepunkt ist jeweils die Polonaise zu ‹Ein knallrotes Gummiboot›. Die ist ansteckend und das ganze Lokal macht mit.» Durch die ausgelassene Stimmung komme es dann auch vor, dass eine Frau einen Tanz von ihr möchte, oder dass eine Frau ihren männlichen Kollegen einen Tanz spendiere. «Ich habe an der Fasnacht auch schon für Omas und Opas auf dem Tisch getanzt.»

Ihre Familie und Freunde nahmen es gelassen, als Anika B. vor zwölf Jahren begann, als Gogo-Tänzerin zu arbeiten. «Wer mich kennt, weiss, dass ich das mache, worauf ich Bock habe.» Die Rostockerin begann in einer Diskothek. Mit den Jahren kam zum Tanzen zusätzlich immer ein wenig mehr dazu, bis sie sich schliesslich erstmals auf der Bühne vor Fremden auszog. «Vor meiner ersten Stripshow hatte ich grosses Lampenfieber. Ich hatte Angst, dass ich einen Fehler mache und vergass dann auch alles, was ich auf der Bühne eigentlich machen wollte. Glücklicherweise war ich mit einer Kollegin auf der Bühne; das half. Ein Stück weit fehlte mir damals noch die Selbstsicherheit, die ich heute habe», erinnert sie sich. Mittlerweile habe sich die Nervosität vor Auftritten gelegt. «Wenn mal etwas nicht nach Plan läuft, dann bin ich im Stande zu improvisieren. Ausserdem habe ich mit der Zeit gemerkt, dass die Zuschauer ja gar nicht wissen, was ich mir genau vorgenommen habe und deshalb gar nicht merken, wenn ich einen Fehler mache.»

«Hier sind alle positiv verrückt»

Als Anika B. erstmals in der Ostschweiz an der Fasnacht gearbeitet hatte, tat sie dies noch im Service. Dekorierte Beizen und Guggenmusik kannte sie davor nicht. Als sie das erste Mal eine Guggenmusik spielen hörte, dachte sie sich: «Oh mein Gott, ist das laut. Aber ich fand’s cool. Ich stellte rasch fest, dass hier alle positiv verrückt sind; das mag ich.»

Seit ihrem ersten Engagement in der Ostschweiz hat sich viel verändert. Immer weniger Beizen sind dekoriert (siehe Zweittext). Die Anzahl Gäste ist rückläufig. «In meinen ersten Jahren war der Laden von Mittwoch bis Samstag immer voll. Mittlerweile ist es unter der Woche ruhiger. Aber an den Wochenenden wird das Lokal glücklicherweise weiterhin sehr gut besucht», sagt sie. Einer der Gründe für den Rückgang sei sicherlich das Rauchverbot. Dennoch finde sie es gut: «Die Luft ist seither deutlich angenehmer.» Eine weitere Veränderung betrifft die Feierkultur. «Die Jungen kommen zum Teil in die Beiz und schauen nur noch auf ihre Handys. Besonders in solchen Momenten wünsche ich mir jeweils, dass die Fasnacht wieder so wird, wie sie früher einmal war. Ich fände es schade, wenn die Tradition ausstirbt», sagt die Tänzerin. Aber noch besteht die Tradition. Und so freut sich Anika B. auf die kommenden Wochen und darauf, mit den Gästen zu feiern und Spass zu haben.

*Name der Redaktion bekannt

BEIZENFASNACHT

Die Zeiten, in welchen während der Fasnacht die Männer vor den Lokalen Schlange standen und in jeder Gemeinde mehrere Beizen dekoriert wurden, sind vorbei. In den Gemeinden Goldach, Rorschacherberg, Untereggen, Tübach, Steinach und Horn ist in diesem Jahr kein Antrag für eine Dekoration des Lokals gestellt worden. Diesen müssen interessierte Beizen aufgrund des Brandschutzes und der Arbeitsbewilligungen für die Frauen stellen. In diesen Gemeinden wurden bereits im vergangenen Jahr keine Anträge gestellt, geben die Gemeindeschreiber an. In Rorschach, Rheineck und Thal wurden in diesem Jahr sieben Anträge eingereicht und somit vier mehr als noch im vergangenen Jahr. In Rheineck und in Thal haben bereits sämtliche dekorierte Beizen den Fasnachtsbetrieb aufgenommen. Den Anfang machte die Arena Lounge in Buriet. Seit dem 3. Januar hat das Lokal täglich ab 17 Uhr unter dem Motto «Moulin Rouge» geöffnet. Showtime ist jeweils ab 19.30 Uhr. Zwei Tage später nahmen die beiden Fasnachtsbeizen in Rheineck den Betrieb auf. In der «Pazzo Bar Lounge» lautet das Motto «1001 Nacht». Das Lokal hat jeweils von Dienstag bis Samstag ab 17 Uhr geöffnet. Im «Jayjays» heisst das Motto «Hot Bunnys». Das Lokal ist täglich ab 17 Uhr geöffnet und ab 18 Uhr beginnen die «Häschen», auf den Tischen zu tanzen. In Rorschach machte vergangene Woche das «Relax» den Anfang. Die Beiz ist täglich ab 18 Uhr geöffnet und ab 19 Uhr werden die ersten Tanzeinlagen geboten. Diesen Donnerstag beginnt die Fasnacht im Gasthaus zur Laterne. Am Freitag zieht dann der «Fuchsschwanz» nach. Ab 17 Uhr ist jeweils unter dem Motto «Fuxloch» die «Fuxbar» geöffnet. Am Samstag beginnt die fünfte Jahreszeit im «Zum Goldige Fässli». Dort lautet das Motto während der diesjährigen Fasnacht «Baustelle». Alle Beizen sind bis 13. Februar dekoriert. Danach ist die Fasnacht vorbei. (arc)

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