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Das Wunder vom Sittertal

Das St. Galler Sittertal hat sich mit der Kunstgiesserei und der Stiftung Sitterwerk zu einem einzigartigen Kulturort mit internationaler Ausstrahlung entwickelt. Dieses Jahr hat man dort gleich zweifach Grund zum Feiern.
Christina Genova/St. Gallen
In der Kunstgiesserei wird nicht nur Metall gegossen, sondern auch Kunststoff oder Beton. Auch mit digitalen Techniken wie dem 3D-Druck kennt man sich aus. (Bild: Samuel Schalch)

In der Kunstgiesserei wird nicht nur Metall gegossen, sondern auch Kunststoff oder Beton. Auch mit digitalen Techniken wie dem 3D-Druck kennt man sich aus. (Bild: Samuel Schalch)

1993 fahren 18 Schwertransporter vom aargauischen Beinwil am See Richtung St. Gallen. Die Kunstgiesserei, die Felix Lehner dort zehn Jahre zuvor mit einem kleinen Team gegründet hat, braucht Platz. Am westlichen Ende St. Gallens, wo die Stadt langsam ausfranst, biegen die Lastwagen ein in eine kurvenreiche Strasse, die steil ins Sittertobel hinunterführt. Ziel der Reise ist die Brache der ehemaligen Färberei Sittertal. Seit sie 1987 geschlossen wurde, entwickeln sich dort allerhand Pionierpflanzen: Ein Tattoostudio, ein Paint-Ball-Anbieter oder eine Disco gehören dazu.

Seine Giesserei richtet Felix Lehner in einer grossen Halle ein, wo noch Bügelmaschinen stehen. Oberster Gärtner im Sittertal ist Hans Jörg Schmid. Der Architekt hat das Areal Ende der 1980er-Jahre gekauft. Dass sich mit Felix Lehners Kunstgiesserei ein spezielles Pflänzchen eingenistet hat, bemerkt Hans Jörg Schmid vorerst nicht. Doch schon früh erkennt er die Qualität der Josephsohn-Skulpturen, welche die Kunstgiesserei herstellt. Und denkt bei sich: «Dieser Pflanze muss ich besonders Sorge tragen.»

Biennale-Künstler im Atelierhaus

Zwölf Jahre später gehört Hans Jörg Schmid zu den Mitstiftern der Stiftung Sitterwerk, dem nichtkommerziellen Ableger der Kunstgiesserei. Sie besteht aus vier Tochterpflanzen, die sich organisch entwickelt haben, «aus dem Machen heraus», sagt Felix Lehner: Die Kunstbibliothek umfasst 30 000 Bände aus den Bereichen Kunst und Architektur und verfügt über eine dynamische Ordnung. Weil die Bücher mit Funketiketten ausgestattet sind, kann man sie nach Belieben umordnen. An die Bibliothek angegliedert ist das Werkstoffarchiv. In 392 Schubladen wird eine Sammlung von Materialien aus der Kunstproduktion aufbewahrt. Im Atelierhaus haben Künstler Gelegenheit, während vier Wochen konzentriert an ihren Projekten zu arbeiten. Gerade tüftelt Geoffrey Farmer an seinem Auftritt im kanadischen Länderpavillon an der Biennale 2017 in Venedig. Schliesslich gehört auch das Kesselhaus Josephsohn zur Stiftung. Dort werden permanent Arbeiten des Bildhauers Hans Josephsohn ausgestellt.

Who's who der Kulturszene

Die Stiftung Sitterwerk feiert diesen Monat den zehnten Geburtstag, dreissig Jahre ist es her, seit die Kunstgiesserei die erste Rechnung schreiben konnte. Beide Jubiläen wurden am vergangenen Samstag mit einem grossen Fest für geladene Gäste gefeiert. In der Ostschweiz ist man stolz auf Kunstgiesserei und Stiftung Sitterwerk, das zeigte der grosse Aufmarsch an Prominenten aus Kultur und Politik: Der St. Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin machte der Kunstgiesserei ebenso die Aufwartung wie der St. Galler Regierungsrat Martin Klöti. Albert Kriemler vom Modeunternehmen Akris und Martin Leuthold von Jakob Schlaepfer wurden gesichtet, aber auch der Grandseigneur der Typographie Jost Hochuli. Dass Felix Lehner bestens vernetzt ist, offenbart sich auch in der Liste der Mitglieder des Stiftungsrates des Sitterwerks, die sich wie ein Who's who der Ostschweizer Kulturszene liest. Die Kunstgiesserei selbst ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Drei Mitarbeiter waren es in den Anfängen, heute sind es rund 60. Unten im abgelegenen Sittertal hat sich von vielen St. Gallern unbemerkt ein Betrieb mit internationaler Ausstrahlung entwickelt. Künstler aus aller Welt lassen ihre Werke in der Kunstgiesserei produzieren: Urs Fischer, Sean Scully, Katharina Fritsch, Pierre Huyghe oder Paul Chan sind nur ein paar der klingenden Namen. Seit 2012 hat die Kunstgiesserei eine Tochtergesellschaft in Shanghai.

Ort der Möglichkeiten

Längst wird im Sittertal nicht nur mit flüssigem Metall, sondern auch mit Kunststoff, Beton oder Wachs hantiert. Hochleistungsscanner stehen ebenso bereit wie der grösste industrielle 3D-Drucker. Auch in der Restaurierung von Kunstwerken besitzt die Kunstgiesserei grosses Fachwissen. In St. Gallen hat man sowohl den Broderbrunnen als auch die Vadians-Sulptur auf dem Marktplatz restauriert.

Viele Menschen und Umstände haben dazu beigetragen, dass das zarte Pflänzchen Kunstgiesserei sich in den letzten Jahren zu einem kräftigen Gewächs mit starken Wurzeln und zahlreichen Verästelungen entwickeln konnte. Es brauchte einen Ort der Möglichkeiten wie die ehemalige Färberei Sittertal, «wo nicht von vornherein alles klar ist», sagt Felix Lehner. Es brauchte einen wohlwollenden Vermieter wie Hans Jörg Schmid, der den Kunstgiessern mit wachsendem Bedarf zusätzliche Räumlichkeiten vermietete, sie die nötigen Umbauten machen liess und sie nicht als Wegbereiter für eine Gentrifizierung verstand.

In den Anfangszeiten, als Geld und Arbeit immer wieder mal knapp wurden, unterstützten Bekannte und Verwandte die Kunstgiesserei mit Darlehen. Bei den Banken hatte man die ersten 20 Jahre vergeblich angeklopft. Der Kunstgiesserei half auch der Niedergang von Ostschweizer Industriebetrieben wie Saurer, Georg Fischer oder Sulzer, von denen man Öfen und anderes Inventar günstig erwerben konnte. Doch entscheidend für den Erfolg von Kunstgiesserei und Stiftung Sitterwerk waren Felix Lehners Leidenschaft und Tatendrang: «Er ist die Seele von allem», sagt Rainer Zigerlig, Präsident der Stiftung Sitterwerk. Und Felix Lehners Frau Katalin Deér sagt über ihn den schönen Satz: «Er hat so grosse Träume und er kann sie umsetzen. Und wenn etwas umgesetzt ist, ist Platz da für den nächsten Traum.»

Einer dieser Träume realisiert sich gerade in der Kunstbibliothek. Dort arbeitet man daran, die analoge und die digitale Welt stärker miteinander zu verbinden. Das neuste Projekt «Werkbank» besteht aus einem sensitiven Tisch, der nicht nur liest, was man auf ihn legt, sondern mittels darüber montierter Kamera Buchseiten und andere Dinge erfasst. Diese Informationen werden digitalisiert und können als Heft ausgedruckt werden.

«Meine Arbeit ist noch ähnlich abenteuerlich wie vor zehn oder dreissig Jahren. Die Aufregung ist nicht weg, das wird auch so bleiben», sagt Felix Lehner. Und das glaubt man ihm aufs Wort.

Stiftung Sitterwerk und Kunstgiesserei machen mit bei der St. Galler Museumsnacht vom 10.9., Führungen ab 19 Uhr.

Die Bücher der Kunstbibliothek haben keinen fixen Platz im Regal. (Bild: Trix Niederau)

Die Bücher der Kunstbibliothek haben keinen fixen Platz im Regal. (Bild: Trix Niederau)

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