Das Wohnzimmer gehört geputzt

Schmutzige Lampen

Johannes Wey
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Der Schmutz bleibt auf den Ständerlampen haften. Dafür blättert die Beschichtung ab. (Bild: Johannes Wey)

Der Schmutz bleibt auf den Ständerlampen haften. Dafür blättert die Beschichtung ab. (Bild: Johannes Wey)

Es klang zu schön, um wahr zu sein: Bei der Neugestaltung des Gossauer Zentrums setzte man auf Nanotechnologie. Wie der Name sagt, kommen dabei Partikel mit Grössen im Nanometerbereich zum Einsatz. Ein Nanometer misst bloss einen Milliardstelmillimeter. Und den Anwendungen von Materialien aus Nanopartikeln sind fast keine Grenzen gesetzt. Theoretisch.

Mit der Neugestaltung sollten nebst einem pastellfarben gepunkteten Teppich und der Leuchte über dem Kreisel auch Ständerlampen am Strassenrand das Zentrum zum «Wohnzimmer» machen. Deren Schirme sollten dank einer Nanobeschichtung Schmutz selbständig abweisen. Von «intelligenter Strassenbeleuchtung» ist ja heute ständig die Rede – aber wenn eine Strassenlampe einen solch hochtrabenden Namen verdient, dann eine, die sich selber reinigt. In einer Mitteilung der Stadt vom vergangenen November wurde die Ernüchterung aber bereits ­ im Titel deutlich: «Beschichtung löst sich, Schmutz bleibt haften», hiess es da. Besser kann man das Problem der Ständerlampen nicht auf den Punkt bringen, wie jeder feststellen kann, der sich die Zeit nimmt, einen genauen Blick auf die Leuchten zu werfen. Denn eine Nanobeschichtung haben die Lampen nach wie vor, nur stammen die Partikel vom Russ der vorbeifahrenden Autos und Lastwagen.

Da für die «selbstreinigenden» Leuchten natürlich keine Putzanleitung vorliegt, wurde der unschöne Anblick in der Zwischenzeit auch nicht behoben. Die Stadt wolle eine unsachgemässe Reinigung vermeiden und suche mit dem Hersteller Lösungen, wie es in der Mitteilung hiess. Von einem Garantiefall war die Rede. Seither hat man in dieser Sache nichts mehr gehört. Der Schmutz auf den Lampen ist jedenfalls noch da.

Nun kommt Bewegung in die ­Sache, wie Urs Salzmann, Kommunikationsbeauftragter der Stadt, auf Nachfrage versichert. Zwischen Anfang März und Mitte April werden Mitarbeiter der Stadtwerke Gossau die Lampenschirme in drei Etappen abmontieren. Sie werden geputzt und von der untauglichen Beschichtung befreit – zumindest an den Stellen, an denen sie sich noch nicht «selbst gereinigt» haben. Und fortan müssen die Strassenlampen regelmässig sauber gehalten werden, um der Bevölkerung den Anblick, den sie derzeit bieten, zu ersparen.

Was die Kosten für diese Aktion und ihre Folgen angeht, sind laut Salzmann noch viele Fragen «völlig offen». Die 52 Leuchten haben ursprünglich je 3800 Franken gekostet. Gibt es auf diesen Preis eine Ermässigung, nun, da die Schirme nicht mehr selbst­reinigend sind? Wer kommt für die Arbeitsstunden beim Auf- und Abhängen der Lampen auf, die rund 7000 Franken kosten werden? Und wer bezahlt künftig die regelmässige Reinigung der Leuchten?

Bezüglich der Reinigungskosten könnte ein Umdenken helfen. Vielleicht müssten sich die Goss­auerinnen und Gossauer in ihrem Zentrum künftig halt auch so ­benehmen, wie es sich in einem Wohnzimmer gehört. Sich auf die Socken machen, statt mit Bleifuss fahren. Und nicht immer so viel Staub aufwirbeln.

Johannes Wey

johannes.wey@tagblatt.ch