Das Ungetüm am Seeufer

RORSCHACH. Ein Dinosaurier für Rorschach: Die Idee, das 27-Tonnen-Monster der Basler «Grün80»-Ausstellung auf der Seepromenade aufzustellen, bewegte vor 30 Jahren die Rorschacher. Die Stadt war in der ganzen Schweiz im Gespräch.

Otmar Elsener
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Die Fotomontage in der «Rorschacher Zeitung» im Oktober 1980 begeisterte und erschreckte zugleich. (Bild: Fotomontage: Hardy Buob)

Die Fotomontage in der «Rorschacher Zeitung» im Oktober 1980 begeisterte und erschreckte zugleich. (Bild: Fotomontage: Hardy Buob)

«Die Dinos sind da!», wirbt die Migros derzeit mit Holzbausätzen und Klebebildchen. Die Eltern der Kinder, welche diese Sauriermodelle sammeln, dürften kaum wissen, dass ein 25 Meter langer, zehn Meter hoher und 27 Tonnen schwerer Betonsaurier im Oktober 1980 die Einwohnerschaft in ein Pro- und Contra-Saurier-Lager spaltete.

Wahrzeichen der «Grün80»

Das riesige Modell eines Apatosaurus (Brontosaurus) war zur Hauptattraktion der Ausstellung «Grün80» in Basel geworden. Presse, Radio und Fernsehen im In- und Ausland berichteten von diesem Ungetüm und zeigten Bilder und Fotomontagen. Dino, wie der Koloss genannt wurde, war überall im Gespräch. So auch in Rorschach, wo man erfahren hatte, dass die «Grün80»-Organisatoren nach Schluss der Ausstellung den Saurier dem Meistbietenden verkaufen wollten.

Ein Saurier für Rorschach

Den Saurier für Rorschach kaufen und am See aufstellen, dachten sich einige Stammtischfreunde im damaligen «Pöstli». Christian Ledergerber, der junge Redaktor der «Rorschacher Zeitung», wurde zu ihrem Sprachrohr. Am 17. Oktober 1980 titelte er in der RZ: «Wer kauft den Saurier für Rorschach?» und schrieb: «Unser Vorschlag ist nicht ganz ernst gemeint. Aber die Stadt Rorschach könnte sich vom Dino-Publizitätskuchen doch einiges abschneiden. Und wohin mit dem Urvieh? Auf die westliche Seeaufschüttung, auf jenen Platz, für den die Kunstkommission schon seit Jahren erfolglos einen geeigneten Kunstgegenstand sucht.» Laut «Grün80»-Pressesprecher gebe es bereits einige Interessenten; verkauft werde dem ersten, der zusage. «Und warum nicht Rorschach, falls sich Geldgeber finden?»

«Dino-Fieber» in Rorschach

Ledergerbers Aufruf schlug bei den Lesern ein. Spontan meldeten sich schon am ersten Tag zahlreiche Spender. Am folgenden Tag publizierte Ledergerber eine Fotomontage von Dino auf der westlichen Seeuferpromenade und schrieb, dass er von Firmen und Privaten bereits Zusagen für 16 000 Franken erhalten habe, der Saurier koste aber 100 000. Er rief zu weiteren Spenden auf und begann, täglich die Namen der Spender zu veröffentlichen. Sieben Tage später stand der Sammelpegel schon bei 45 250 Franken, zugesagt von 200 Privaten und annähernd 100 Firmen. In Rorschach war ein «Dino-Fieber» ausgebrochen, sogar Schüler starteten eine Papiersammlung, um Geld zu spenden. Auch die Vorstandsmitglieder des Verkehrsvereins waren für den Dino, von dem sie für Rorschach einen Aufschwung des Tourismus erwarteten. Mit einem «Saurierfest» wollten sie 8000 bis 10 000 Franken aufbringen. Rorschach und sein Dino wurden plötzlich zu einem Thema in der gesamten Schweizer Presse – von NZZ über den «Bund» bis in die Lokalzeitungen. In einer Fotomontage des «Blick» stand Dino auf der Hafenmauer und überragte das Kornhaus weit. Der Kommentar des Boulevardblattes: «Tausende von Rorschachern sind sich einig. Wir wollen Dino.»

Der Stadtrat war dagegen

Die ersten Einwände gegen Dino kamen schnell von der städtischen Kunstkommission. Der strenge Anwalt Herbert Sigrist schrieb: «Wir haben Verständnis für die Belebung des Fremdenverkehrs. Die Aufstellung dieses Monstrums würde aber entgegen den euphorischen Visionen von Ledergerber keine solche Wirkung haben. Viele Mitbürger würden ein Kunstwerk diesem Ungeheuer vorziehen.» Der Stadtrat erklärte, dieses Monstrum passe nicht auf eine öffentliche Anlage, es würde sicher bald zum Ärgernis, weil das Interesse nur kurzfristig sein werde. Wenn schon die Stadt Basel den Saurier nicht wolle, warum denn das kleine Rorschach? Es gebe in der Stadt eine schweigende Mehrheit gegen Dino. Der Stadtrat lehne die Aufstellung ab, auch wenn alle Kosten durch Spenden gedeckt würden.

Emotionen kochen hoch

Diesen Entscheid wollten viele Bürger nicht akzeptieren. Sie äusserten sich in heftigen Leserbriefen. Die vielen Spenden seien Grund genug, den Dino nach Rorschach zu bringen. Eine Petition werde gestartet, sobald die «Grün80»-Verwaltung den Saurier definitiv für Rorschach reserviere.

Die Dino-Gegner forderten ein echtes Kunstwerk. Man solle aus dem ursprünglich lustigen «Gag» nicht «tierischen Ernst» machen. Man könne den Dino ja vor dem Ufer versenken und nur den Kopf aus dem See schauen lassen, wie das schottische Ungeheuer «Nessie». Oder das Geld für einen Kinderspielplatz verwenden.

Das Aus nach 20 Tagen

Obwohl 100 000 Franken für den Kauf garantiert waren, schlug der Stadtrat das «Geschenk» aus und wiederholte, dass keine Petition und keine andere Aktion den Entscheid des Stadtrats ändern könne. Die Idee war damit auch politisch tot. 20 Tage nach dem ersten Aufruf gaben Ledergerber und seine Mitstreiter auf. Man wolle in Rorschach keinen Streit provozieren. Mit einem Zeitungsartikel «Requiem für einen Saurier» verabschiedete sich das «Aktionskomitee Pro Dino» – Christian Ledergerber, Josef Riedener, René Metzler, Fritz Lüpold und Ferdinand Kleger – von allen, die sich für Dino eingesetzt hatten.

Und Dino? Der Saurier blieb in Münchenstein auf dem Ausstellungsgelände, das in einen Freizeitpark umgestaltet wurde. 2004 wurde das Monster abgebrochen, weil das Stahlgerippe der Betonkonstruktion durchgerostet war und man der Einsturzgefahr vorbeugen wollte. Seit 2005 steht in Münchensteins «Park im Grünen» ein noch grösseres, 45 Meter langes Sauriermodell aus Kunststoff.