Das Totholz vom Josenwald

Seit 34 Jahren kann sich das 86 Hektar grosse Naturwaldreservat in Walenstadt ohne Einfluss des Menschen entwickeln. Die Waldwildnis mit dichtstehenden Bäumen und viel Totholz ist für Forschungszwecke interessant.

Leo Coray
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Steil und unzugänglich: Der Walenstadter Josenwald oberhalb des Walensees – eines von 49 Waldreservaten in der Schweiz. (Bild: Leo Coray)

Steil und unzugänglich: Der Walenstadter Josenwald oberhalb des Walensees – eines von 49 Waldreservaten in der Schweiz. (Bild: Leo Coray)

Das Reservat Josenwald ist 86 Hektaren gross und erstreckt sich auf der steilabfallenden Nordseite des Walensees von 420 bis 1300 Metern über Meer. Unten dominieren Linden und Eichen, in der Mitte Buchen und oben Buchen und Tannen. Daten von 1880 zeigen, dass der Wald damals nur wenige Bäume im Alter von 20 bis 40 Jahren aufwies. Der Holzvorrat pro Hektare betrug lediglich rund 50 Kubikmeter. Dies deutet darauf hin, dass er im 19. Jahrhundert sehr stark genutzt wurde, obwohl er schwer zugänglich war.

Heute beträgt der Holzvorrat rund 250 Kubikmeter pro Hektare.

Seit 1976 wird geforscht

Naturnah entwickeln kann sich der Josenwald schon seit 60 Jahren. Denn etwa 1950 stellte die Besitzerin, die Ortsgemeinde Walenstadt, die Holznutzung aus wirtschaftlichen Gründen ganz ein. Im Jahr 1976 wurde er mit einem Vertrag zwischen der Ortsgemeinde und der ETH Zürich für die nächsten 50 Jahre offiziell zum Waldreservat erklärt und steht seither für Forschungen zur Verfügung.

Auf gegen 100 Stichprobenflächen werden in regelmässigen Abständen Position, Dicke und Verletzungen der Bäume festgehalten. Seit kurzem wird auch das stehende und liegende Totholz vermessen, seine Zersetzung beobachtet und die Auswirkungen auf die Tierwelt erfasst, insbesondere auf Käfer.

Mit den Forschungen soll geklärt werden, wodurch sich Waldreservate und bewirtschaftete Wälder bezüglich Struktur, Dynamik und weiterer Kriterien unterscheiden und wie sie sich entwickeln.

Mittlerweile liegen laut Peter Brang, Waldforscher an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf, bereits einige Erkenntnisse vor. Wie er auf einer Exkursion im Josenwald sagte, hat sich die Baumzusammensetzung in den letzten 60 Jahren kaum verändert. Insgesamt kommen im Wald 16 Baumarten vor, darunter sogar Kirschbäume.

Forstingenieur Peter Brang führt diese Vielfalt auf die frühere starke Nutzung zurück. Dadurch sei im Wald viel Licht vorhanden gewesen und hätten viele Arten eine Überlebenschance erhalten, betonte er.

Ellenbogeneffekt

Heute sei in den dicht bewaldeten Reservaten allerdings ein gewisser Ellenbogeneffekt festzustellen: Baumarten, die viel Licht benötigten, gingen zurück, ebenso die Anzahl Bäume. Zudem seien Bäume mit mehr als 80 Zentimetern Durchmesser selten. Beim Josenwald handle es sich freilich um einen jungen Wald, der noch wachse.

«Buchen können 250 bis 300 Jahre alt werden», sagt er.

Der grösste Unterschied zu bewirtschafteten Wäldern ist der hohe Totholzanteil in Reservaten, im Josenwald hauptsächlich hervorgerufen durch die Winterstürme Vivian und Lothar. Festgestellt wurden 60 bis 100 Kubikmeter pro Hektare, gegenüber rund 20 Kubikmetern in Wirtschaftswäldern.

Laut Steffen Herrmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsanstalt WSL, sollen die Forschungen aufzeigen, wie viel Totholz in bewirtschafteten Wäldern idealerweise vorkommen sollte.

Totholz als Lebensraum

Stehendes und liegendes Totholz im Wald ist Lebensraum und Nahrungsquelle für eine Vielzahl von Pflanzen und Lebewesen wie Flechten, Moose, Pilze, Insekten, Käfer und Vögel, darunter auch Spechte.

Im Josenwald werden in Fallen Käfer und Insekten gesammelt, um Vergleichsdaten zu andern Wäldern zu erhalten. Besonders interessant ist der Josenwald deshalb, weil er wegen der Nähe zum Walensee ein relativ warmes und feuchtes Klima aufweist und die Zersetzung des Holzes verhältnismässig rasch erfolgt.

Der Josenwald ist eines von 49 Waldreservaten in der Schweiz.

Davon befinden sich mit Wäldern im Murgtal, Gemeinde Quarten, und auf den Kreisalpen im Toggenburg zwei weitere im Kanton St. Gallen. Sie werden allerdings nicht so intensiv erforscht wie der Josenwald.