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Das Stadtfest auf der Kuhweide

Das Kinderfest ist das einzige Fest, an dem sich die Stadt nicht in sich selbst verkriecht. Aus den Altstadtgassen ziehen Alt und Jung hoch zum Rosenberg. Und das Kommerzdenken rückt in weite Ferne. So ein Fest ist das Beste, was einer Stadt passieren kann.
Perfektes Sommerwetter, perfekte Stimmung und «ausverkauft»: Das St. Galler Kinderfest Jahrgang 2012 zog schätzungsweise 50 000 Personen auf die Kinderfestwiese. (Bild: Coralie Wenger)

Perfektes Sommerwetter, perfekte Stimmung und «ausverkauft»: Das St. Galler Kinderfest Jahrgang 2012 zog schätzungsweise 50 000 Personen auf die Kinderfestwiese. (Bild: Coralie Wenger)

Siebzig Gramm machen den Unterschied. Siebzig Gramm mehr Brät machen aus einer Olma-Bratwurst eine Kinderfestbratwurst, die Königin der Bratwürste, 230 Gramm bringt sie auf den Grill. Eine wahre, würdige Extrawurst.

Dass auch das Fest, das ihr Pate steht, einen Sonderstatus verdient, ist keine Frage. Das Kinderfest ist ein Fest wie kein anderes in dieser Stadt. Ursanktgallisch und gleichzeitig überraschend unsanktgallisch. Archaisch, traditionell – und quirlend von jungem Leben.

Entweder perfekt oder nicht

Es fängt an mit der Festsetzung des Festtermins. Perfektes Sommerwetter ist ein Muss, auf mehrere Tage hinaus verlässlich prognostiziert, sonst wartet man lieber eine Woche – auch dieses Jahr brauchte es Geduld – oder lässt das Fest gar ins Wasser fallen. «Eine Verschiebung auf einen Tag nach den Sommerferien ist nicht möglich», so steht es unmissverständlich im Fest-Flyer.

Klar gibt es nüchterne Gründe für diese Haltung. Schlammschlachten auf durchnässtem Untergrund mögen am OpenAir Kult sein, zum Kinderfest passen sie nicht. Und viele der Klassen, die fürs Fest ihre Nummern eingeübt haben, gibt es nach den Sommerferien nicht mehr. Doch hinter diesen Sachzwängen steht auch eine Haltung, die bezeichnend ist für das Kinderfest. Und wohltuend.

Das kühne Warten auf den perfekten Tag, welches das normale Stadtleben für Tage und Wochen zum Provisorium macht, ist ein Manifest gegen die Planbarkeit des Lebens. Und es ist Ausdruck eines selbstbewussten St. Galler Perfektionismus: Entweder es stimmt alles, oder man lässt es bleiben. Diese Kompromisslosigkeit kann sich nur ein Fest leisten, bei dem nicht der Kommerz zuvorderst steht. Bei dem nicht die Rendite zählt, sondern die Freude über einen schönen Tag.

Ein Stück St. Galler Lebensgefühl

Die Weigerung, sich kommerziell vereinnahmen zu lassen, verleiht dem Kinderfest eine Aura von Schwingfest. Der Festplatz besteht nicht aus einem dieser Normzelte, wie sie für Mainstream-Events gemietet werden können. Aus Pfosten und Latten wird jedes Mal eine Festwirtschaft gezimmert, massgeschneidert den Unebenheiten des Geländes angepasst. Rot-weisse Stoffdächer geben Schatten, ansonst sitzt man draussen, draussen auf der grünen Wiese. Hoch über der Stadt.

Der Schauplatz des Treibens: Auch er macht das Fest zum Sonderfall, zur Extrawurst. Das Kinderfest ist das einzige Fest, an dem sich St. Gallen nicht in sich selbst verkriecht. Der Umzug am Morgen erweist der herausgeputzten Altstadt mit einer kuriosen Zickzackroute die Ehre, aber dann geht es hinaus aus dem engen Tal, hoch zum Rosenberg. Mit diesem Ablauf versinnbildlicht das Kinderfest auch ein Stück St. Galler Lebensgefühl.

St. Gallen nannte sich früher die «Stadt im grünen Ring». Das Kinderfest zelebriert den Slogan bis heute: So schnell und selbstverständlich gelangt man von der Stadt hinaus ins Grüne, in die freie Natur. Vom Festplatz geht der Blick über Bühnen und farbige Gewänder hinweg ins Fürstenland, zum Tannenberg, Richtung Thurgau. Ein Stadtfest auf dem Land, einmalig, unverwechselbar.

Ein Generationenfest

Im Mittelpunkt des bunten Treibens, dem Fest den Namen gebend: die Kinder. Sie haben keine Wahl, klar, die Teilnahme ist obligatorisch, als wär's ein gewöhnlicher Schultag. Aber gerade das ist es für sie nicht. Kinder produzieren sich gerne, und wo sie es tun, zieht es Eltern an, und es lockt alte Menschen aus den Häusern, die auch einmal Kind waren und manchmal von weit her zurückkommen, um in Erinnerungen zu schwelgen. Das Kinderfest ist auch ein Generationenfest, wie von einem schlauen Event-Manager ausgedacht. Dabei gibt es das Fest schon seit 1824.

Es kommt viel Archaisches zusammen, an diesem Fest. Mal war es Sinnbild der Textilblüte, mal enthielt es militärische Elemente, mal fand es wegen Kriegen nicht statt. Es ist also immer auch Ausdruck der jeweiligen Zeit. In Nuancen erneuert mit jeder Kinder- und Lehrergeneration. Aber die Extrawurst, die bleibt es.

Beda Hanimann

seiten 42–47

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