«Das soziale Netz ist unabdingbar»

ST.GALLEN. Bei der Integration stossen Behörden und Betroffene regelmässig an Grenzen. Der städtische Integrationsbeauftragte Peter Tobler erklärt, warum «zivilgesellschaftliches Engagement» ein Schlüssel zur erfolgreichen Integration ist.

David Gadze
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Ein Flüchtling in der temporären Unterkunft im Riethüsli. (Bild: Urs Bucher)

Ein Flüchtling in der temporären Unterkunft im Riethüsli. (Bild: Urs Bucher)

Herr Tobler, es kommen immer mehr Flüchtlinge aus Krisengebieten in die Schweiz. Diese Woche hat der Kanton in der Jugendherberge die zweite temporäre Asylunterkunft in der Stadt eröffnet. Wie beurteilen Sie die Situation?

Peter Tobler: Es ist eine neue Realität, der wir uns stellen müssen. Die Zahl der Menschen, die aufgrund der Flüchtlingsbewegung der Stadt St. Gallen zugewiesen werden, ist zwar noch nicht stark angestiegen. Aber die Herausforderung, sie in die Gesellschaft und in die Arbeitswelt zu integrieren, wird zunehmen.

Worin besteht diese Herausforderung?

Tobler: In den ersten fünf bis sieben Jahren sind die Gemeinden und der Kanton zuständig und stellen Integrationsangebote zur Verfügung. Aber ebenso wichtig für die Integration sind die Angebote der Zivilgesellschaft wie soziale Beziehungsangebote, Deutschkurse oder Unterstützung bei der Arbeitssuche. Deswegen organisieren wir auch dieses Forum. Wir wollen wissen, wie wir Flüchtlingen und Asylsuchenden besser helfen können.

Peter Tobler Integrationsbeauftragter der Stadt St. Gallen (Bild: pd)

Peter Tobler Integrationsbeauftragter der Stadt St. Gallen (Bild: pd)

Die Zahlen des Bundes sprechen eine deutliche Sprache: Nach fünf Jahren schafft weniger als ein Drittel der Flüchtlinge den Schritt in die Arbeitswelt, nach zehn Jahren ist es knapp die Hälfte.

Tobler: Die Arbeitsintegration von Flüchtlingen ist tatsächlich sehr schwierig. Unser Fokus liegt deshalb vor allem bei der Frage, wie sie verbessert werden kann. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Zivilgesellschaft.

Warum ist das Engagement der Gesellschaft so wichtig?

Tobler: Vom Staat bekommen Flüchtlinge das, was ihnen rechtlich zusteht – Beratung, Vermittlung, Sozialhilfe. Ein grosser Teil der Arbeitsintegration läuft aber über Beziehungen, über ein soziales Netz. Deswegen braucht es Angebote wie das Solihaus.

Was halten Sie von der Forderung, wie bei Arbeitslosen Beschäftigungsprogramme, Weiterbildungen oder Betriebspraktika vorzuschreiben und bei jenen, die sich weigern, die Sozialhilfe zu kürzen?

Tobler: Es wäre hilfreicher, bestehende bürokratische Hürden abzubauen. Ein Problem ist beispielsweise, dass vorläufig Aufgenommene selbst für Temporärjobs eine Arbeitsbewilligung einholen müssen. Vielen Arbeitgebern ist das zu kompliziert. Ausländische Diplome werden nicht anerkannt. Oder es werden keine Praktika im ersten Arbeitsmarkt angeboten. Die Summe dieser Hürden erschwert die Integration zusätzlich. Integration bedeutet auch, Chancengerechtigkeit herzustellen – und zwar ohne Einschränkungen.

Wie wichtig ist das Beherrschen der Sprache, um jemanden in den Arbeitsmarkt zu vermitteln?

Tobler: Es ist der Schlüssel für den Zugang in den Arbeitsmarkt, wenn auch nicht in allen Branchen gleichermassen. Es besteht eine grosse Nachfrage nach günstigen Deutschkursen. Die kostenlosen Sprachkurse der Integra-Schule beispielsweise sind regelmässig ausgebucht. Letztlich ist es ein bunter Strauss von Faktoren, der dazu beiträgt, dass sich Menschen integrieren können – und nicht nur wollen.

Für viele gehört ausserdem dazu, sich an die Werte des neuen Umfelds anzupassen.

Tobler: Die meisten Migranten übernehmen diese Werte. Aber ebenso wichtig ist Partizipation der Migranten in der Gesellschaft. Ich war am Wochenende in einer Moschee. Unter Terroranschlägen wie in Paris leidet die ganze islamische Bevölkerung – auch bei uns. Sie gerät unter Generalverdacht, obwohl sich die meisten klar von Gewalt abgrenzen. Viele Moslems sind deswegen verunsichert.

Trotz der Solidarität mit den Flüchtlingen ist der Widerstand in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren gewachsen. Das Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative der SVP war ein deutliches Zeichen.

Tobler: Es braucht jetzt vor allem einen sachlichen Diskurs, in dem es nicht um Gut oder Böse geht. Als die Wirtschaft florierte, sind vor allem hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland in die Schweiz gekommen. Jetzt kommen Menschen, die ihr Land verlassen mussten. In der ersten Welle sind das übrigens meist gut qualifizierte Menschen.

Die SVP spricht dann von Wirtschaftsflüchtlingen.

Tobler: Sie vergisst dabei, dass auch jemand mit einer guten Ausbildung zum Flüchtling werden kann. Das eine schliesst das andere nicht aus. Die jetzige Situation zeigt vor allem eins: Migration ist bei uns heute kein Ausnahmezustand, sondern der Normalfall. Die Frage ist, wie wir mit ihr umgehen.