«Das Schöne sehen ist mein Job»

Die Berufsfotografin Anna-Tina Eberhard bricht jedes Jahr zu längeren Reisen auf. Dabei fängt sie mit ihrer analogen Kamera rare Momente ein. Im Projektraum 41/2 zeigt sie erstmals private Bilder ihrer Reisen durch Lateinamerika.

Kathrin Reimann
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Anna-Tina Eberhard vor einigen ihrer Bilder im Projektraum 41/2 im Linsebühl. (Bild: Urs Bucher)

Anna-Tina Eberhard vor einigen ihrer Bilder im Projektraum 41/2 im Linsebühl. (Bild: Urs Bucher)

Ein zerzauster Hahn, trocknendes Fleisch, eine Frau im Morgenrock und spielende Kinder. Anna-Tina Eberhards Bilder sind keine klassischen Postkartensujets. Sie zeigen echte Menschen, wahres Leben, ganz so, wie sie es erlebt, wenn sie «en camino», also unterwegs ist. Ihre 30 Bilder, die im Projektraum 41/2 ausgestellt sind, zeigen zwar alltägliche Situationen ihrer Reisen durch Lateinamerika, sie alle zeichnen sich aber durch eigentümliche Schönheit aus. Sie haben das gewisse, echte Etwas.

Die Familie stärkt den Rücken

Ist die 32jährige Berufsfotografin aus St. Gallen nicht auf Reisen, beschäftigt sie sich mit Werbefotografie. Sie ist eine der wenigen Frauen in diesem Business und seit zehn Jahren selbständig. Nach dem gestalterischen Vorkurs in St. Gallen besucht sie die Freie Schule für Gestaltung in Olten und spezialisiert sich auf Fotografie und Malerei. «Ich beschäftigte mich von klein auf mit diesen Künsten. Mir war früh klar, dass ich Fotografin werde», sagt Eberhard. Und das, obwohl ihr die Lehrer abgeraten hätten. Zu steinig sei der Weg, zu wenige schafften es, davon zu leben. «Aber meine Familie hat mir immer den Rücken gestärkt.»

Sie absolviert eine Lehre als Werbefotografin in St. Gallen und geht danach auf Reisen in die USA. «Vom Lehrmeister hatte ich die Zusage, dass ich danach für ihn arbeiten kann.» Doch dem Lehrmeister fehlen die Aufträge und Eberhard kehrt ohne Plan zurück. «Ich hatte das nötige Equipment, um mich selbständig zu machen und habe das dann – im Alter von 22 Jahren – gemacht.» Auch bei diesem Schritt hätten viele Zweifel und Vorurteile gehabt. «Aber ich bin da ganz entspannt rangegangen. Wenn es nicht geklappt hätte, wär ich nach Griechenland Schafe hüten, oder nach Thailand Elefanten waschen gegangen.» Doch es klappt, auch wenn Eberhard wieder nach Hause ziehen und jede Gage in neues Zubehör investieren muss. «Mittlerweile habe ich sehr viele Kunden, die mir seit zehn Jahren treu sind, das ist schön.»

Einlassen auf Land und Leute

Und obwohl Anna-Tina Eberhard jeden ihrer Arbeitseinsätze gerne macht, möchte sie nicht von dem Traumjob sprechen. «Ich renne viel rum, habe Nachtschichten, 15-Stunden-Tage und trage viel Verantwortung.» Andererseits biete ihr die Selbständigkeit viele Freiheiten, wie etwa für längere Reisen. «Diese trete ich meist alleine an, ich kann mich mehr auf Land und Leute einlassen.» Ausserdem wohnt sie nicht im Hotel, sondern bei Freunden, von denen sie nach jeder Reise wieder mehr besitzt – verstreut über die ganze Welt.

«Für mich ist das Reisen nicht nur eine Lebensschule und Horizonterweiterung, es ist auch eine Reduktion der Fotografie.» Denn sie ist dann jeweils mit einer analogen Kamera unterwegs und drückt selten ab. «Ich bin wählerisch, warte auf den richtigen Moment und wenn er nicht kommt, drücke ich nicht ab.» Während einer fünfwöchigen Reise brauche sie vier Filme, was etwa 130 Bildern entspreche. «Beruflich schiesse ich diese Anzahl an Bildern innerhalb von fünf Minuten.»

Vergiftet und überfallen

Ein- bis zweimal pro Jahr bricht Eberhard zu längeren Reisen auf. Dabei erlebt sie nicht nur schöne Momente und findet Freunde, sie hat sich auch schon Lebensmittelvergiftungen eingefangen, wurde mit einer Machete bedroht oder musste sich ohne Geld durchschlagen. «Das Reise-Gen liegt in meiner Familie.» Ihre Eltern – der verstorbene ehemalige Stadtbaumeister Franz Eberhard und die ehemalige Kantons- und Stadträtin Barbara Eberhard – seien mit den Kindern nicht etwa nach Mallorca in die Ferien gefahren, sondern hätten exotischere Plätze wie Bhutan oder Russland besucht. Auch sonst habe sie von den Leidenschaften und dem «Drive» ihrer Eltern viel profitiert. «Mein Vater hat mich von klein auf an jede Vernissage mitgenommen. Sobald es um Architektur ging, glänzten seine Augen.» Diese Lust darauf, das Schöne zu sehen und einzufangen, habe sie von ihm gelernt. «Und das ist für meine Arbeit und mein Privatleben zentral.»

«en camino» im Projektraum 41/2 ist heute Samstag und morgen Sonntag, 16 bis 18 Uhr, geöffnet. Finissage ist am Donnerstag ab 18 Uhr.