Das Schiff, das zweimal sank

Das Dampfschiff Ludwig sank 1861 nach einer Kollision vor der alten Rheinmündung. Nach einer spektakulären Hebung wurde es auf «Rorschach» umgetauft. 1870 ging es in einem Sturm erneut unter, wurde gehoben und verschrottet.

Otmar Elsener
Merken
Drucken
Teilen
Die Hebung des Dampfers Ludwig am 21. Juli 1863 mit Fässer gelang vorerst nicht. (Bild: Archiv RNJB)

Die Hebung des Dampfers Ludwig am 21. Juli 1863 mit Fässer gelang vorerst nicht. (Bild: Archiv RNJB)

RORSCHACH. Die weissen Ausflugsschiffe auf dem See gehören zum Sommer wie das Meer von Segel- und Motorbooten. Der Bodensee bleibt ein beliebtes Ausflugsziel. Touristen und Einheimische fühlen sich in den modernen Schiffen wohl und auch bei Sturm und Wellen geborgen. Einzig der Raddampfer Hohentwiel lässt noch etwas Nostalgie für die Zeit der Dampfboote aufkommen. In ihrer Ferienstimmung sind sich die Passagiere kaum bewusst, mit welchen Gefahren die Schifffahrt bis Ende des 19. Jahrhunderts verbunden war und dass die heutige Sicherheit die Folge einer langen Entwicklung ist.

Das Dampfboot Rorschach war das schicksalreichste Schiff, das je zur Bodenseeflotte gehörte. Der Dampfer hiess früher Ludwig und war 1837 als erstes eisernes Bodenseeschiff von der englischen Firma Vairbairn in Millwall erbaut worden. Einige spektakuläre Unglücke zwangen die Regierungen, 1868 eine einheitliche Schifffahrtsverordnung zu erlassen. Besonders das nachstehend geschilderte Unglück hätte mit der Regelung vermieden werden können: «In der Nacht sind auf dem rechten Radkasten eine Laterne mit grünem und auf dem linken eine solche mit rotem Licht anzubringen. Sie sollen so beschaffen sein, dass sie nach vorn und nach der Seite leuchten.» So lernen Schiffsführer auf dem Bodensee noch heute den sichernden Spruch: «Rot auf Rot und Grün auf Grün – kannst du ruhig deines Weges ziehn.»

Tragischer Zusammenstoss

Am Montagabend, 11. März 1861, lief das Dampfboot Ludwig unter Kapitän Gerber und mit schweizerischer Mannschaft von Lindau nach Rorschach aus. Bei Einbruch der Nacht befand sich der Dampfer vor der alten Rheinmündung. Starker Westwind mit hohen Wellen hatte eingesetzt. Dichtes Schneetreiben beeinträchtigte die Sicht. Zur gleichen Zeit befand sich der Dampfer Stadt Zürich auf Kurs von Romanshorn nach Lindau. Dessen Steuermann hielt auf ein weisses Licht zu, das er für ein Leuchtfeuer des Lindauer Hafens hielt, während auf der «Ludwig» ein Schiffsjunge am Ausguck das Licht der «Zürich» als das Hafenlicht von Rorschach wähnte. Als sich die beiden Schiffe näherten, versuchten die Steuerleute noch auszuweichen, doch zu spät, die «Zürich» rammte die «Ludwig» auf der Backbordseite und verursachte dort ein Leck, durch das rasch Wasser eindrang.

Vierzehn Todesopfer

Die Mannschaft der «Ludwig» wasserte ein Rettungsboot, doch die Passagiere wagten der hohen Wellen wegen, nicht in die Gondel zu springen. Als das Heck des Schiffes zu untergehen begann, sprangen der Kapitän, der Steuermann und ein Matrose ins Wasser und kletterten ins Rettungsboot, während die «Ludwig» vollends versank. Vergebens suchten sie nach Überlebenden. Die «Stadt Zürich» war beschädigt, aber noch schwimmfähig. Die «Ludwig» war so rasch gesunken, dass von der «Stadt Zürich» aus in den Wellen weder Menschen noch die Rettungsgondel zu erkennen waren. Nach kurzer vergeblicher Suche rettete der Kapitän die wasseraufnehmende «Stadt Zürich» in den Hafen von Rorschach. Die drei Männer in der Rettungsgondel der «Ludwig» landeten einige Stunden später in Altenrhein, wurden von einer Bauernfamilie versorgt und mit einem Fuhrwerk nach Rorschach gebracht. Die Schreckensnachricht war in Rorschach schon verkündet worden. Vierzehn Menschen verloren beim Unglück ihr Leben. «Manche bekannte, wackere, brave Seele liegt nun im Wellengrabe», hiess es in einem historischen Bericht, «darunter auch der hoffnungsvolle einzige Sohn des Metzgers Rohner von Staad, der in Lindau Viehware einkaufte und damit unterging, ferner ein Metzger Wahrenberger von Mörschwyl, ein Stücklieferer Huber und Sohn samt Pferde und ein Frauenzimmer von St. Gallen, welches in Lindau auf Besuch war. Von der Schiffsmannschaft ertranken fünf Personen, auch die wackere Schiffsköchin. Die Trauer hier ist eine allgemeine, umso mehr, als die Verunglückten lauter liebe Bekannte sind.»

Eine wundersame Hebung

Das Schiff wurde vor der Mündung des Rheins auf etwa 20 Meter Tiefe geortet. Der bayrische Marineingenieur Wilhelm Bauer war überzeugt, das Schiff mit luftgefüllten Fässern heben zu können. Im Laufe des Frühlings und Sommers 1861 machte er mehrere vergebliche Versuche, die immer von einer Menge Neugieriger auf Schiffen und Gondeln verfolgt wurden. Aber der ehrgeizige Bauer gab nicht auf. Im kommenden Sommer versuchte er es bis in den Herbst hinein, wiederum ohne Erfolg. Geldmangel und Winterstürme verzögerten die Hebung weiter. Erst im Frühling 1863 wendete Bauer eine neue Methode an. Anstatt Fässer befestigten Taucher am Schiff zwölf riesige Ballons aus mit Kautschuk imprägniertem Segeltuch. Zwei Dampfmaschinen betrieben Luftpumpen für die Taucher und das Füllen der Ballons. Am 21. Juli 1861 war es so weit: Die «Ludwig» tauchte an der Oberfläche auf und wurde in den alten Segelschiffhafen beim äusseren Bahnhof geschleppt. Das nur 15 × 22 Zentimeter grosse Leck wurde abgedichtet, und die Feuerwehr pumpte das Wasser aus dem Rumpf.

Quellen: Richard Grünberger: Rorschacher Neujahrsblätter 1925–1931; Louis Specker: Rorschach im 19. Jahrhundert; Fritz/Jäckle: Das goldene Zeitalter Schaufelraddampfer Bodensee

Das Dampfschiff Rorschach, vormals Ludwig, im Hafen von Rorschach um 1864. Im Hintergrund der äussere Bahnhof und das Kloster Scholastika. (Bild: Aquarell Joseph Martignoni ca. 1864)

Das Dampfschiff Rorschach, vormals Ludwig, im Hafen von Rorschach um 1864. Im Hintergrund der äussere Bahnhof und das Kloster Scholastika. (Bild: Aquarell Joseph Martignoni ca. 1864)