Das Schicksal mischt die Karten

Selten liegen Glück und Unglück so nahe beisammen wie bei Christoph Zingg aus Mörschwil. Heute ist der ehemalige Blauhelmsoldat alleinerziehender Vater dreier Kinder und führt eine Tauchschule. Einst wollte er nach Afrika auswandern.

Sebastian Schneider
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Der Blick nach vorne zählt: Christoph Zingg in seinem Garten in Mörschwil. (Bild: Beat Belser)

Der Blick nach vorne zählt: Christoph Zingg in seinem Garten in Mörschwil. (Bild: Beat Belser)

MÖRSCHWIL. «Das Schicksal mischt die Karten, wir spielen.» Die Redewendung des Philosophen Arthur Schopenhauer erlangt für Christoph Zingg aus Mörschwil eine besondere Bedeutung. Denn das Schicksal hielt dem 46jährigen diplomierten Pflegefachmann viele Assen, aber auch zahlreiche Sechsen bereit. So folgte auf eine glückliche Fügung ein schwerer Schlag und umgekehrt. Heute ist Christoph Zingg alleinerziehender Vater dreier Kinder. Der Blick nach vorne ist ihm wichtig. «Die Vergangenheit kannst du nicht ändern», sagt Zingg, dessen Frau Beatrix vor fast drei Jahren verstarb.

Bösartiger Hirntumor

Am 7. April 2006 wundert sich der Mörschwiler, weshalb Beatrix nicht von der Arbeit zurückgekehrt ist. Sie ist diplomierte Pflegefachfrau im Kantonsspital und arbeitete in der vergangenen Nacht. Doch am Morgen muss Zingg erfahren, dass seine Frau während ihrer Schicht einen epileptischen Anfall erlitt. Die Nachricht verkündet Christoph Zingg den Beginn seiner schwierigsten Zeit im Leben. Denn auf den ersten Anfall folgen weitere, Beatrix Zingg muss genauer untersucht werden. 2007 entdecken die Ärzte einen bösartigen Hirntumor. Die schlimmste Meldung, die Christoph Zingg je erreicht hat: «Ihrer Frau bleiben nur noch wenige Jahre.»

Bis zum letzten Atemzug dabei

2008 operieren Spezialisten den Fremdkörper aus dem Gehirn von Beatrix Zingg. Die Familie verbringt ein letztes Mal zusammen Ferien und verreist für zwei Wochen nach Florida.

Die epileptischen Anfälle der Mutter bleiben – im Winter werden es bis zu drei pro Tag. Sie hat genug, sucht Abstand, begibt sich auf den Jakobsweg. Sie schafft es bis an die spanische Grenze, danach holt sie Christoph Zingg zurück nach Hause, wo er sie fortan pflegt. Viele Freunde besuchen und unterstützen die Familie. «Über die Hilfe bin ich heute noch dankbar», sagt Zingg rückblickend und spricht vom grossen Gefallen eines Freundes, der in der schwersten Zeit seine Frau für jeweils eine Nacht pro Woche überwacht habe. «So konnte ich wenigstens jede siebte Nacht durchschlafen.» In den anderen Nächten habe er neben dem Krankenbett gelegen, um zur Stelle zu sein, wenn seine Frau ihn brauchte.

Der Zustand von Beatrix Zingg verschlechtert sich und wird für sie unerträglich. Zuweilen äussert sie den Wunsch, endlich sterben zu dürfen. Am 14. Dezember 2012 ist der Zeitpunkt gekommen: In Anwesenheit ihrer Kinder und ihres Mannes macht sie ihre letzten Atemzüge. Obwohl sich der Vater lange auf diesen Moment hat vorbereiten können, habe er nach dem Tod seiner Frau ein riesiges Loch verspürt. Vom geliebten Menschen bleiben nur noch Erinnerungen. Erinnerungen an zahlreiche Erlebnisse. So wie das mehrjährige Abenteuer in Afrika, das mit einem Schrecken endete.

Überfall in Ndokononoho

Christoph Zingg mag Afrika. Er schätzt nicht nur das Klima, er ist auch fasziniert von den Menschen, die mit wenig bis gar nichts auskommen müssen. «Und doch leben sie und sind nicht unglücklich.» Bereits als junger Mann, der die Rekrutenschule absolviert hat, zieht es Zingg nach Namibia. Er steht im Einsatz für die UNO, an dem sich die Schweiz beteiligt. Doch als Namibia 1990 unabhängig wird, ist Zingg bereits in die Schweiz zurückgekehrt. «Ich erfuhr, dass mein Vater schwer krank ist.» Während eines Krankenbesuchs sagt ihm der Dorfpfarrer, dass sein Bruder Helfer für ein Hilfswerk in Kamerun sucht. So zieht es Zingg wieder nach Afrika. Nun ist für ihn klar, dass er auswandern will. Während seiner Aufenthalte verbringt er auch viel Zeit in Südafrika, wo ihn seine Freunde aber vor dem Bürgerkrieg warnen. Zingg kehrt zurück in die Schweiz. Als gelernter Chemielaborant hat er nicht die passende Ausbildung für das, was er nun plant: Er will in Kamerun ein Ambulatorium aufbauen. Zingg lernt im Kantonsspital St. Gallen Krankenpfleger und sammelt Geld für sein Vorhaben. Dank seines Engagements kommt er gut voran, viele Vorbereitungen sind getroffen, die Realisierung rückt in greifbare Nähe. Dann absolviert Zingg sein letztes Ausbildungspraktikum, wo etwas Wunderbares geschieht: Er verliebt sich in die Krankenschwester namens Beatrix.

Auch sie ist von der Idee angetan und reist ein halbes Jahr später nach Ndokononoho, einer kleinen Provinz in Kamerun. Die beiden helfen den armen Menschen vor allem mit Medikamenten gegen Durchfall und Malaria. «Auch Aids-Tests konnten wir durchführen.» 1997 kommt das erste Kind zur Welt, und etwas später wird Beatrix Zingg erneut schwanger.

Eines Nachts hört Christoph Zingg seltsame Geräusche aus dem Ambulatorium, das am Wohnhaus angebaut ist. Elektrischen Strom gibt es im Haus nicht. Zingg tappt durch die Dunkelheit, bis er von einer Taschenlampe geblendet wird und den Lauf einer Schusswaffe sieht. «Ein Moment, an den ich leider heute noch immer wieder erinnert werde.» Mehrere bewaffnete Männer sind eingebrochen und bewachen die Familie mit der hochschwangeren Frau im Schlafzimmer. Weil die Einbrecher kaum Beute finden, halten zwei Männer Zingg Pistolen an Hals und Nacken. «Ich spüre die Pistolen heute noch», sagt Zingg. Die Männer befehlen ihm, alles im Haus, was Wert hat, herauszurücken. Zum Glück bekam ein befreundeter Jäger Wind vom Überfall. Dieser schoss einen der Männer an, die sofort die Flucht ergreifen.

Christoph und Beatrix Zingg machen das gleiche. Sie packen zwei, drei Sachen ein und fliehen auf die Botschaft. Im September 1999 fliegt die Familie zurück in die Schweiz. Zu Hause angekommen, stattet das Ehepaar dem Frauenarzt einen Besuch ab. Und wieder fügt sich Christoph Zinggs Schicksal auf seltsame Weise.

Sturz von der Karrierenleiter

«Wir sind damals mit nichts zurückgekehrt», sagt Zingg. Er habe sich Sorgen gemacht, als bald zweifacher Familienvater keinen Job zu haben. Doch der Frauenarzt wird beim Besuch der Zinggs hellhörig: «Sie sind Krankenpfleger?» Noch bevor das zweite Kind zur Welt kommt, hat Zingg in der Klinik Stephanshorn zu arbeiten begonnen.

Jetzt geht es bergauf. Christoph Zingg wird Stationsleiter, später Pflegedienstleiter. Und im Jahr 2004 wählt ihn der Gemeinderat von Trogen zum Heimleiter des Altersheims. Er übernimmt jedoch einen Betrieb, der kaum funktioniert. Angestellte, die sich die alte Heimleitung zurück wünschen, verbünden sich gegen Zingg, der versucht, Ordnung in die Abläufe zu bringen. Am 8. November kommt es zum Eclat. Der Gemeinderat kündigt fünf Angestellten fristlos wegen Illoyalität, Mobbing und anonymer Drohbriefe. Der Aufschrei in der Bevölkerung ist gross. Zingg macht eine schwierige Zeit durch. Das Mobbing der Angestellten, die Vorwürfe, die Drohbriefe und die einseitige Berichterstattung in den Medien machen ihm schwer zu schaffen. Zingg lässt sich krankschreiben. In einem Schreiben in der Appenzeller Zeitung stellt sich der Gemeindepräsident hinter den Heimleiter. «Eine solche Gruppe im Haus zu haben, ist schwierig und belastend. An Christoph Zingg und seine Familie denke ich oft während der Weihnachtszeit, denn er ist heute ernsthaft krank.» Zingg: «Ich hatte einen Nervenzusammenbruch.»

Tauchschule als neuen Anker

Wieder ist Zingg auf Arbeitssuche. «Nachdem, was vorgefallen ist, hatte ich geringere Chancen auf einen neuen Job.» Zingg, mittlerweile sind er und seine Frau dreifache Eltern, übernimmt vorerst den Haushalt. Doch er lässt sich nicht beirren und plant nochmals ein grosses Projekt. Bereits im Jahr 2005 gründet er eine Tauchschule, die Zingg Dive GmbH. Doch das Geschäft mit teuren Taucheranzügen kostet. Und ihm war ohnehin klar: «Viel Geld kam man damit nicht verdienen.» Die Tauchschule wird aus einem anderen Grund sehr wichtig. Denn nur ein Jahr nach der Firmengründung erleidet Beatrix Zingg den ersten epileptischen Anfall. «Die Tauchschule war für mich ein wichtiger Ausgleich und Halt in den schwierigen Jahren.»

Positiv denken

Heute ist es um Christoph Zingg etwas ruhiger geworden. Obschon es natürlich streng sei, drei Kinder im Teenageralter alleine zu erziehen. Äusserlich ist dem aufgestellten Mann nicht viel anzusehen. Welche Karten das Schicksal auch immer für ihn bereithält, Zingg denkt positiv. Das mag seiner Ansicht nach auch daran liegen, dass er sich über Kleinigkeiten freuen kann. Und was ihm in seinem Leben erspart bleibt: «Ich kenne keine Langweile.»