Das OpenAir belastet die Natur massiv

«Zurück zur Natur im Sittertobel», 18.8.2010 Schon der Titel des Berichts über die sogenannten Renaturierungsmassnahmen nach dem diesjährigen OpenAir-Festival hat mich gestochen.

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«Zurück zur Natur im Sittertobel», 18.8.2010

Schon der Titel des Berichts über die sogenannten Renaturierungsmassnahmen nach dem diesjährigen OpenAir-Festival hat mich gestochen. Er deutet auf ein merkwürdiges Naturverständnis der Verantwortlichen des OpenAir, aber auch der Stadt hin.

Es wird eingeräumt, dass an der Sitter fürs OpenAir jedes Jahr die Natur für ein paar Tage verabschiedet wird.

Und dann glaubt man, sie mit 100 000 Franken und fünf Hektaren neu angesäter Wiese wieder zurückholen zu können – für ein paar Monate (einschliesslich fünf Monate Winterzeit). Dies, um sie im Sommer des folgenden Jahrs fürs Spektakel wieder ausschalten zu können. Das ist eine lächerliche Betrachtungsweise, die seriösen ökologischen Überlegungen keinesfalls standhält.

Anderseits scheinen die OpenAir-Verantwortlichen zu glauben, die Natur im Sittertobel bestehe einzig und allein aus dem Grün der Wiese, und wenn es gelinge, sie für ein paar wenige Monate wieder grün zu färben, sei der Natur Genüge getan. Für mich sieht das eher nach optischer «Wiedergutmachung» zur Beruhigung eines schlechten Gewissens aus.

Die Schutzverordnung für die Sitter- und Wattbachlandschaft geht auf eine Initiative des städtischen Naturschutzvereins (NVS) zurück. 1981 sprach er sich gegen das OpenAir an der Sitter aus.

1982 das spätere NVS-Ehrenmitglied Arthur Stehrenberger im Stadtparlament eine Motion zur Schaffung einer Schutzverordnung für die Sitterlandschaft ein. Diese wurde zur grossen Freude des NVS erheblich erklärt.

Zehn Jahre später, am 23. November 1992, setzte das kantonale Baudepartement die städtische Sitterschutzverordnung in Kraft. Sie hatte aus Sicht des NVS einen Schönheitsfehler.

Der Stadtrat und die Mehrheit des Stadtparlaments hatten eine Klausel eingebaut: Zwar untersagt die Verordnung die Ausübung gewisser Sportarten, die Durchführung grosser Veranstaltungen oder das Erstellen grosser Bauten in der empfindlichen Flusslandschaft. Davon ausgenommen ist das St. Galler OpenAir. Für den NVS war dies ein grosses Ärgernis.

Doch schliesslich blieb ihm nichts anderes übrig, als die Kröte zu schlucken und einigermassen gute Miene zum bösen Spiel zu machen, wollte er nicht die ganze Verordnung in Frage stellen.

Wieso der Ärger des Naturschutzes? Die «romantische» und laute Veranstaltung hat verschiedene Folgen für die Natur, von denen heute niemand mehr spricht: Zur OpenAir-Zeit gibt es immer noch Vögel, die brüten. Und seit das OpenAir an der Sitter installiert ist, gingen zahlreiche Orchideen-Standorte verloren.

Anfangs wurde von 20 000 Besuchern gesprochen, die das OpenAir-Gelände ertrage. Heute scheinen die Veranstalter enttäuscht, wenn nur 30 000 kommen. Von Jahr zu Jahr wurde schleichend in neue empfindliche Zonen ausgewichen.

Muss das OpenAir wirklich mitten in einer durch Verordnung geschützten empfindlichen natürlichen Flusslandschaft stattfinden? Als Naturschützer, der 43 Jahre lang in der Stadt St.

Gallen wohnte und dort 43 Jahre seinen Traumberuf als Primarlehrer ausüben durfte, aber auch als Gründer und Präsident des städtischen Naturschutzvereins, der die Sitterschutzverordnung anregte, tut mir diese Ausnahmeregelung für das OpenAir weh. Der Stadtrat hat seine «heiligen Kühe». Das OpenAir im Naturschutzgebiet Sitter gehört definitiv dazu. Die dafür nötige Ausnahmeregelung werde ich dem Stadtrat nie verzeihen!

Übrigens: Ich schreibe diesen Leserbrief persönlich, also weder im Namen noch im Auftrag des städtischen Naturschutzvereins.

Christian Zinsli NVS-Ehrenpräsident Oberbotsbergstrasse 32, 9230 Flawil