Das nächste Jahrhundertereignis bahnt sich an

Mordstemperaturen

Simon Roth
Drucken
Teilen
Die Anzeige der Wetterstation beim Kornhaus signalisiert eine Wassertemperatur des Bodensees von 150 Grad Celsius. (Bild: Simon Roth)

Die Anzeige der Wetterstation beim Kornhaus signalisiert eine Wassertemperatur des Bodensees von 150 Grad Celsius. (Bild: Simon Roth)

Es brodelt gewaltig am Bodensee. Genauer gesagt im Bodensee. Hundertfünfzig Grad Celsius soll die Wassertemperatur betragen. Das will das Thermometer beim Kornhaus allen Rorschachern unmissverständlich weismachen. Jetzt sollte man wohl besser keinen Fuss in den Bodensee setzen. Sonst droht Ungemach. Selbst die hartgesottensten Wasserratten, die sich auch bei Minustemperaturen nicht von ihrem Guten-Morgen-Schwumm abhalten lassen, würden jetzt nicht einmal den kleinen Zeh in das siedend heisse Nass setzen.

Was will uns diese kleine Anzeige mit dieser übertrieben hohen Zahl mitteilen? Müssen wir uns weitere fünfzig Jahre bis zur nächsten Seegfrörni gedulden? Als sich der See 1963 in ein Eisfeld verwandelte, wandelten Zehntausende Sonntag um Sonntag darüber. Was war das doch für ein Spass! Die Leute holten die Schlittschuhe raus, spielten Eishockey und Curling. In Goldach landete gar ein Klavier auf dem Eis. Die Klänge des Tasteninstruments beflügelten Eiskunstläu­ferinnen, ihre Pirouetten noch schneller zu drehen und noch wildere Kunststücke vorzuführen. Neben Kufen durften auch Räder bei dem Jahrhundertereignis nicht fehlen: Mit Fahrrädern, einer zum Schlitten umfunktionierten Vespa und sogar Autos bewegten sich die Menschen auf dem zugefrorenen See fort. Marroni-, Punsch- und Glühweinverkäufer boten ihre Produkte feil. Nur den Wasservögeln und Enten bekam die Gfrörni nicht gut – angefrorene Enten mussten in Waschküchen aufgetaut werden.

«Der Bodensee trennt nicht mehr, er verbindet», schrieb diese Zeitung damals. «Wenn Eis überall Anlass gäbe zu einer so guten internationalen Verständigung, zu einem so regen freundschaftlichen Verkehr, so möchten wir wünschen, dass alle Meere von einer Eisschicht bedeckt würden», lautete die Hoffnung, dass nun doch endlich Weltfrieden einkehren möge.

Und nun das – ein brodelnder Hexenkessel! Fegefeuer statt Frieden und Völkerfreundschaft. Was will uns dieser kleine Thermometer denn noch alles vermiesen?! Einige Betrachter der ­Temperaturanzeige können der Misere durchaus etwas Positives abgewinnen: Sie sehen darin einen Vorboten der «Multivision Film- und Fotoreportage» von Corrado Filipponi über Island, die heute Abend im Stadthof stattfindet. Hat der Vortragende am Ende einen Geysir von der nordischen Insel mitgebracht? Zeigt das Thermometer also die Temperatur der heissen Quelle an und nicht jene unseres geliebten Bodensees?

Dann bekäme Rorschach bald auch seinen ganz eigenen «Jet d’eau», wie er in Genf steht. Die Stadt am See würde zum Pilgerort, und Leute von überall kämen her wie schon bei der Seegfrörni 1963. Statt Marroni würden die zahlreichen Besucher diesmal den Umständen halber mit gekochter Ente verköstigt.

Simon Roth

simon.roth@tagblatt.ch