Das Machtgefüge der Stadtpolitik ist in Bewegung geraten

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Kräfteverschiebung Zehn Jahre zurück wäre das, was am Sonntag in St. Gallen passiert ist, eine Sensation gewesen. Wie Majorzwahlen damals abliefen, zeigt die Ersatzwahl 2006 für Stadtpräsident Franz Hagmann (CVP) und Sicherheitsdirektor Hubert Schlegel (FDP): Ihre Nachfolger Nino Cozzio (CVP) und Thomas Scheitlin (FDP) setzten sich im ersten Wahlgang durch. Konkurrenz von SP und SVP hatte gegen die «schwarze Dampfwalze» der bürgerlichen Traditionsparteien keine Chance. Bei der Ersatzwahl vom Sonntag für Nino Cozzio sah das ganz anders aus: Zwar schnitt CVP-Kandidat Boris Tschirky am besten ab, er blieb aber weit unter dem absoluten Mehr. Die Stimmen verteilten sich gleichmässiger als zehn Jahre zuvor auf die Kandidierenden.

Nur 137 Stimmen trennten am Sonntag links und rechts

Das Ganze lässt sich zahlenmässig festmachen: Links der Mitte entfielen am Sonntag auf Sonja Lüthi (GLP), Andri Bösch (Juso) und Ingrid Jacober (Grüne) 9686 Stimmen. Die Kandidaten von rechts der Mitte, Boris Tschirky (CVP) und Jürg Brunner (SVP), sammelten 10005 Stimmen. Der Kräfteunterschied zwischen links und rechts betrug damit hauchdünne 137 Stimmen zu Gunsten der Bürgerlichen. Und das ist kein weiches Kissen auf dem sich ausruhen und der zweite Wahlgang im Schlafwagen erledigen lässt. Im Gegenteil: Der nur noch kleine Unterschied bedeutet, dass Boris Tschirky harte Arbeit bevorsteht, wenn er gewählt werden will. Er muss sich voll in den Wahlkampf hängen. Für Sonja Lüthi anderseits heisst der knappe Unterschied, dass ihre Hoffnung auf eine Wahl in die Stadtregierung realistisch bleibt. Letztlich wird jener der beiden am 26. November den Sieg davontragen, der die Basis besser mobilisieren kann.

Der nur noch hauchdünne Unterschied bei den Stimmanteilen vom Sonntag bestätigt auch, dass sich die städtische Politlandschaft tatsächlich verändert hat und wohl noch weiter verändern wird. Das links-grüne Lager ist auf dem Vormarsch, die Bürgerlichen in der Defensive. Noch halten sich diese Kräfte einigermassen die Waage – nicht nur bei der Stadtratsersatzwahl, sondern auch im Stadtparlament. Kann aber die SP ihren Siegeszug vom Herbst 2016 im Herbst 2020 bei den nächsten Gesamterneuerungswahlen wiederholen, ist absehbar, dass St. Gallen zur links-grünen Hochburg wird, wie sie vergleichbare Schweizer Städte schon lange sind. Zum nächsten Prüf- und Meilenstein auf diesem Weg wird der 4. März 2018: Dann nämlich kommt die von der vereinigten Linken bekämpfte städtische MobilitätsInitiative der Bürgerlichen und Wirtschaftsverbände vors Volk. (vre)