Das Kreuz mit dem Leiden

Rund 80 Personen sind gestern im «Kreuzweg der Gegenwart» durch die Stadt gezogen. Vom Blumenbergplatz bis zum Zeughaus wurde an fünf Orten an Leiden von heute erinnert.

Janina Gehrig
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Kreuzweg-Start bei der Kirche St. Mangen. (Bild: Ralph Ribi)

Kreuzweg-Start bei der Kirche St. Mangen. (Bild: Ralph Ribi)

Auf dem kühlen Steinboden in der St. Mangen-Kirche liegt ein Kreuz. Es wird später durch die Stadt getragen. Etwa 80 Personen sitzen in den Kirchenbänken und wollen den achten «Kreuzweg der Gegenwart» unter die Füsse nehmen: Ältere und Jüngere, Familien mit Kindern. «Das Kreuz kann stellvertretend auf den eigenen oder auf den Schultern anderer liegen», sagt Pfarrer Hansruedi Felix zum Einstieg. Er erinnerte am gestrigen Karfreitag daran, dass auch Jesus die Sünde, die Leiden und die Not der Welt getragen hat. «Auf dem Kreuzweg wollen wir uns nicht nur mit der Not von Christus von damals verbinden, sondern an verschiedenen Stationen an die Not von heute erinnern.»

Schweigender Marsch

Dann zieht die Gruppe schweigend los, die Kreuzträger voran. Erste Station ist der Blumenbergplatz und das Thema Ausbeutung. «Ausgebeutet werden etwa Menschen als Arbeitskräfte, Frauen durch Männer, Entwicklungsländer durch Industriestaaten», sagt Thomas Joller von der offenen Kirche. Und «als Symbol» erinnert Hansruedi Felix daran, dass gleich hier ein Bordell entstehen soll. Joller schlägt einen Nagel ins Kreuz, was an jeder der fünf Leidensstationen gemacht wird. Nach einer Schweigeminute wird «Kyrie eleison», «Herr, erbarme dich», gesungen.

«Wer mag das Kreuz jetzt tragen?», fragt Hansruedi Felix. Zwei weitere Freiwillige nehmen die Last auf die Schulter und unter die Arme. Es geht zum Bahnhofpärkli. Hier spricht Sonja Billian, Jugendseelsorgerin in der Pfarrei Wittenbach, über Gier, Geld und Profit und erwähnt dabei die Skrupellosigkeit von Drogendealern.

Armut und Selbstbestimmung

Die Touristen, die gleich neben der Kreuzweg-Gruppe auf den Bus warten, gucken etwas verwundert. Ein Randständiger kommt hinzu und bittet um Geld. Wieder wird geschwiegen und gesungen. Quer über den Bahnhofplatz führt der Karfreitagsmarsch, eskortiert durch die Polizei, zum Lagerhaus an der Davidstrasse. Bei seiner Ansprache erinnert Charlie Wenk von der Pfarrei Halden an die Armut, von der viele Menschen noch heute betroffen seien. «Es kann schnell gehen, dass jemand von der Gesellschaft ausgegrenzt wird. Mut geht oft nicht einher mit Armut», sagt er. Die um das Kreuz versammelten Anwesenden schliessen die Augen, halten sich an den Händen.

Weiter geht es bei fast sommerlicher Wärme über die St. Leonhardsbrücke und an der Reithalle vorbei zum Josefshaus. Beim Alters- und Pflegeheim hält der Marsch zum vierten Mal inne. Daniel Konrad von der christkatholischen Kirche thematisiert «zur Last fallen». «Kann ich damit leben, dass die Selbstbestimmung irgendwann ein Ende nimmt, ich mich anderen zumute?», fragt er. Nach dem Ritual mit dem Nageleinschlagen übernehmen zwei andere Personen das Kreuz.

«Ein Ritual geworden»

Der letzte Weg schliesslich führt über die Kreuzbleiche zum Zeughaus, wo die «Macht der Gewalt» bewusstgemacht wird. Hier, wo Waffen lagern, gedenken Pfarrer Felix und die Gruppe der Völker, die von ihren Diktatoren – «wie beispielsweise in Libyen, Syrien und Iran» – unterdrückt werden.

Unter den Spazierenden zieht auch Natasha Hausammann mit. Der Anlass ist für sie «eine super Art, was früher war und heute ist, miteinander zu verbinden». Bereits zum sechsten Mal marschiert auch Fred Reutlinger mit. «Der Kreuzmarsch ist zu einem Ritual geworden. Ich gehe immer mit meinen Sohn», sagt er, als das «Kyrie eleison» zum fünften Mal verstummt. Mittlerweile ist das Kreuz in der Kirche St. Otmar angekommen. Es liegt erneut auf dem Boden. Umgeben von Kerzen und spirituellem Gesang.