Das kleine Dorf am Bohrloch

ST.GALLEN. Die Geothermiebaustelle im Sittertobel wächst und wächst. Langsam zeigt sich, wie das Areal künftig aussehen wird. Zeit, bei Experten nachzufragen: Wozu dient das riesige Heisswasserbecken? Und wer wohnt im «Container-Dorf»?

Ralf Streule
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Der Geothermie-Bohrplatz in der Au im Sittertobel. Hinten rechts entsteht der heisse «Ententeich». (Bild: Urs Bucher)

Der Geothermie-Bohrplatz in der Au im Sittertobel. Hinten rechts entsteht der heisse «Ententeich». (Bild: Urs Bucher)

Im Sittertobel, wo die Stadt dereinst heisses Wasser aus dem Untergrund pumpen will, liegt die grösste Baustelle der Stadt. Nichts deutet darauf hin, dass noch ein Verfahren hängig ist und die eigentliche Geothermiebohrung nicht vor dem Frühsommer 2012 beginnen kann. Die neue Zufahrtsstrasse ist gebaut, Stahltanks werden eingeflogen, und auf dem künftigen Bohrplatz sind unzählige Bauarbeiter im Einsatz. Auch dem unkundigen Baustellenbesucher zeigt sich langsam, aber sicher, welche Dimension der Bohrplatz haben wird.

Löcher bereits 15 Meter tief

Bei einem Blick auf die neuesten Detailpläne aber tauchen Fragen auf. Warum werden drei Bohrlöcher vorbereitet, wenn doch nur zwei Bohrungen vorgenommen werden? Was hat es mit dem Heisswasserbecken auf sich? Warum braucht es vier Wassertanks? Thomas Bloch, der Bohrplatz-Projektleiter bei den St. Galler Stadtwerken, nimmt sich Zeit, allgemeinverständliche Worte für die Abläufe zu finden, die er aus dem Effeff kennt.

Auf dem Bohrplatz (siehe Grafik) führen bereits jetzt drei rund 70 Zentimeter breite Standrohre 15 Meter tief vertikal in den Boden, erklärt Bloch. Darüber sollen die Bohrtürme aufgebaut werden. Es werden zwei Bohrlöcher gebraucht: Durch jenes, das zuerst gebohrt werden soll, wird – erfüllen sich die Erwartungen der Geologen – heisses Wasser aus rund 4000 Metern Tiefe an die Oberfläche geführt.

Im zweiten Bohrloch wird das abgekühlte Wasser nach Abgabe der Wärme an das Geothermieheizkraftwerk wieder hinabfliessen. Das dritte Standrohr dient als Reserve. Muss ein Bohrloch bei Problemen aufgegeben werden, wäre ein neuer Bohransatzpunkt innerhalb von einigen Stunden betriebsbereit.

Während der Bohrung wird eine dickflüssige Spülung ins Loch gepumpt. Einerseits werden darin die abgetragenen Gesteinsbrocken nach oben gespült, anderseits sorgt die Dichte der Flüssigkeit dafür, dass das Loch stabil bleibt, bevor die Bohrlochwand mit Stahlrohren und Zement gefestigt wird. Als Zwischenlager für die Flüssigkeit dienen zwei der vier Tanks, die vergangene Woche per Helikopter eingeflogen wurden. In den anderen Tanks werden Frisch- und gefördertes Thermalwasser gespeichert. Zurück an der Oberfläche, wird die Bohrflüssigkeit aufbereitet und wiederverwendet, das Gestein wird aussortiert und abtransportiert. Wohin, ist noch offen. Ein Auftrag für die Entsorgung wird ausgeschrieben.

Der heisse «Ententeich»

Wenn die wasserführende Schicht dereinst angebohrt wird, ist laut Bloch nicht mit einer Wasserfontäne an der Oberfläche zu rechnen, wie sich dies der Laie vielleicht vorstellt. Zwar sei der Druck in der Tiefe sehr gross. Weiter oben verliere er sich aber. Das Wasser wird mit Pumpen an die Oberfläche befördert.

Für die ersten Pumpversuche wird auf dem Areal ein grosses Becken gebaut, das bei Verantwortlichen intern spasseshalber «Ententeich» genannt werde. Im Becken wird das bereits von über 100 auf etwa 80 Grad heruntergekühlte Wasser gesammelt, solange es noch nicht für den Betrieb des Geothermieheizkraftwerks verwendet werden kann. Die Angst, dass wirklich Enten auf dem heissen Teich landen könnten, sei unbegründet, meint Bloch. Vom Becken aus wird das Wasser weiter abgekühlt in die Abwasserreinigungsanlage geführt, von dort in die Sitter. «Das heisse Wasser direkt in die Sitter fliessen zu lassen, ist wegen der hohen Temperaturen und der Zusammensetzung des Wassers nicht möglich», sagt Bloch. Je nach Mineralgehalt müsse es zuvor behandelt werden.

Schlafen im «Container-Dorf»

Ein Grossteil des Bohrareals wird abgesperrt. Davor wird das «Container-Dorf» aufgebaut. Hier befinden sich neben sanitären Anlagen auch Materiallager und Büros von Ingenieuren und Geologen. Zudem werde voraussichtlich zumindest eine Person – der sogenannte Drilling-Supervisor – eine Schlafmöglichkeit am Bohrplatz haben.

Dass das Bauprojekt im Sittertobel auch für Besucher immer klarere Formen annimmt, wollen die Stadtwerke in ihrer Öffentlichkeitsarbeit berücksichtigen. Einerseits würden schon bald Pläne des Areals auf der Homepage aufgeschaltet, anderseits seien Baustellenführungen geplant. Am Rand des Bohrplatzes wird zudem ein Pavillon gebaut, wo sich Interessierte informieren können.