Das grosse Hirnen

Kein Räuspern, kein Hüsteln, kein Flüstern. Es ist still. Mucksmäuschenstill. Nur die Scrabblesteine in den grünen Säckchen klimpern leise. Dann beginnt das Spiel.

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Zwei Wortakrobaten: Blanca Gröbli-Canonica und Jürgen Miguletz. (Bild: Malolo Kessler)

Zwei Wortakrobaten: Blanca Gröbli-Canonica und Jürgen Miguletz. (Bild: Malolo Kessler)

Kein Räuspern, kein Hüsteln, kein Flüstern. Es ist still. Mucksmäuschenstill. Nur die Scrabblesteine in den grünen Säckchen klimpern leise. Dann beginnt das Spiel.

Rund 50 Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen am Sonntag in der Aula der Sprachheilschule in St. Gallen. Viele Ältere und Alte, einige Jüngere und wenige ganz Junge. Die Blicke der Zuschauer huschen hin und her. Zwischen einer Leinwand, die ein Spielbrett zeigt, und jenen beiden, die jetzt ihr ganzes Können zeigen: Blanca Gröbli-Canonica und Jürgen Miguletz. Von insgesamt 40 Teilnehmern aus fünf Ländern haben sie es in den Final des ersten internationalen Scrabbleturniers der Schweiz geschafft.

Der Schweizer Scrabble-Star

Die Uzwilerin Gröbli-Canonica ist der Schweizer Scrabble-Superstar. Eine kleine Dame mit riesigem Wortschatz. Jürgen Miguletz ist deutscher Scrabblespieler. Und hat noch nie ein grosses Turnier gewonnen. Migu – wie er in der Scrabblegemeinde genannt wird – beginnt. Er legt das Wort «gurrt», seine Gegnerin legt «lieb». Flüsternd zählt Gröbli-Canonica ihre Punkte mit, blickt immer wieder kritisch über den Rand ihrer Brille. Dann legt Migu «dealend» – die Totenstille wird von einem Applaus durchbrochen. Der Deutsche hat in einem Zug alle seine sieben Steine gelegt.

Hirnen hüben wie drüben

Während die Finalisten hirnen, hirnt auch das Publikum. Gebannt starren die Zuschauer jetzt nur noch auf die Leinwand. Mit gerunzelter Stirn, sich lautlos bewegenden Lippen. Auf der Leinwand sehen sie nämlich nicht nur das Spielbrett mit den bereits gelegten Worten, sondern auch die Buchstabensteine, die auf den Bänkchen der Finalisten liegen.

Einige der Zuschauer haben Block und Stift zur Hand, machen sich übereifrig Notizen. Zwei Damen in der vordersten Reihe nicken heftig, haben die Finalisten genau jenes Wort gelegt, das auch ihnen im Kopf herumgeschwirrt ist.

Von Abort bis Whisky

Je mehr Wörter liegen, desto länger überlegen die beiden gewieften Wortakrobaten. Aus dem Buchstabensalat werden Worte, die viele Laien nicht kennen, geschweige denn Buchstabieren können. «Rye» steht da beispielsweise, «Junta» oder «Lokus» – «Roggenwhisky», «Regierungsausschuss», «Abort». Gröbli-Canonica schüttelt während des Spiels immer wieder den Kopf. Jürgen Miguletz reibt sich das Kinn, möchte aus ihrem «Crem» ein «Crems» machen. Die Schweizerin zweifelt dieses Wort an – zu Recht. Es ist nicht zulässig, steht so nicht im Duden, in der Bibel der Scrabbler. Das scheint aber der letzte Erfolg für die Schweizerin zu sein.

Nach anderthalb Stunden ist das Spiel zu Ende. Gröbli-Canonica Superstar verliert mit 343 zu 419 Punkten. Das Publikum bricht sein Schweigen, applaudiert. Nicht nur dem Mann, der das erste internationale Scrabbleturnier der Schweiz gewonnen hat. Sondern auch der Frau, die wieder einmal gezeigt hat, dass nicht nur Deutsche richtig gut Deutsch können. (mke)

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