«Das Geschlecht ist nicht ausschlaggebend»

Linda Müntener
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Experte Die Zahlen machen es deutlich: In den Schulen der Region St. Gallen, Gossau und Rorschach sind die Lehrerinnen in der Überzahl. Ist Bildung heute weiblich? «Nein», sagt Thomas Rhyner, Dozent Erziehungswissenschaften und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG). Er setzt sich seit 25 Jahren mit den Belangen der Buben, Männer und Väter auseinander. «Im Gesamten ist die Bildung nicht weiblich. Je höher die Bildungsstufe, desto mehr Männer finden wir anteilsmässig vor», sagt Rhyner. Professuren seien mehrheitlich von Männern besetzt. Auf Primarstufe habe sich der einstige Männerberuf aber verändert. Die Forschung liefere für diese Entwicklung verschiedene Aspekte. Rhyner zählt sie auf: fehlende Karrieremöglichkeiten, den erhöhten Erziehungsanteil im Lehrberuf im Vergleich zu früher oder komplexere Anforderungen. In anderen Berufen gebe es attraktivere Optionen – etwa bei der Bezahlung. Hinzu kommen Imageprobleme des Lehrberufs. «Offenbar ziehen Männer aufgrund dieser Merkmale eher andere Berufe vor.»

Während sich Schulpräsidenten mehr Lehrer in ihren Klassenzimmern wünschen (siehe Text oben), macht das Geschlecht für den PHSG-Dozenten keinen Unterschied. «Es gibt keine wissenschaftlichen Daten, die darauf hinweisen, dass das biologische Geschlecht der Lehrpersonen ausschlaggebend wäre für Lernen und Entwicklung.» Im Vordergrund stünden die Berufskompetenzen, die man in der Ausbildung aufbauen und in der Praxis durch Weiterbildung entwickeln könne. Hinter dem Wunsch nach mehr Lehrern stehe oft der Gedanke, dass mehr Männer zu einer ausgeglichenen Sozialisation von Buben (und Mädchen) führen würden. Weil sonst männliche Vorbilder fehlten. Auch für diese These gebe es kaum Daten. «Mehr Männer im Alltag statt Superhelden im Computergame sind selbstverständlich sehr zu wünschen», sagt Rhyner. Die erste männliche Bezugsperson sei jedoch der Vater. «Väterarbeit ist meines Erachtens deshalb die soziale Investition in die Zukunft.»

Studie zeigt: Männer führen Klassen nicht besser

Die Forschung liefere auch keine Hinweise dafür, dass Männer und Frauen anders unterrichten. «Vielleicht hätten wir gerne solche Unterschiede, weil wir bestimmte Männer- und Frauenbilder mit uns herumtragen», sagt Rhyner. Ein Bild sei die Vorstellung, dass Männer die Klassen besser führten. «Das stimmt nicht.» Die Pisa-Studie belege, dass in erfolgreichen Ländern der Anteil Lehrerinnen teils noch höher ist als in der Schweiz. «Wir sollten aufpassen, dass die Diskussion um Männer im Lehrberuf nicht latent zu einer Abwertung von Frauen im Lehrberuf führt.»

Die PHSG stellt indes keinen Trend zu weniger männlichen Studierenden fest. Die Anmeldungen von Männern nehmen leicht zu. Im Studiengang Kindergarten und Primarstufe liegt der Männeranteil derzeit bei rund ­ 15 Prozent. «Die PHSG bevorzugt Männer nicht. Wir behalten den Aspekt der Geschlechter aber im Auge.» So organisiert die Fachstelle «Gender & Diversity» jährlich einen «Zukunftstag». Dort ist die Rolle des Mannes im Lehrberuf unter anderem ein Thema. Die Gründe für den Berufswunsch Lehrer sind individuell. Es gebe Männer, die nach einer Zeit im Erstberuf einen Wechsel zum Lehrberuf anstreben, weil sie mehr Sinn in der Arbeit sehen wollen. Für Frauen sei die mögliche Teilzeitarbeit mit ein Grund für die Wahl. Eines haben alle Studierenden gemeinsam: Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als Motivation.

Linda Müntener

linda.muentener@tagblatt.ch