«Das geht an die Substanz»

ST.GALLEN. Vor bald zwei Wochen reiste Sophie à Wengen von St.Gallen nach Samos. Dort kocht sie täglich 500 bis 1000 Portionen Suppe für Flüchtlinge. Ihre Tage sind lang, die Schicksale hart, ihren Einsatz bereut sie aber kein bisschen.

Kathrin Reimann
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Aktivistinnen und Aktivisten bereiten auf der griechischen Insel Samos Suppe für Flüchtlinge aus der Türkei zu. (Bild: pd)

Aktivistinnen und Aktivisten bereiten auf der griechischen Insel Samos Suppe für Flüchtlinge aus der Türkei zu. (Bild: pd)

Sophie à Wengen ist in St.Gallen eher nachts anzutreffen: Als Mitverantwortliche der Grabenhalle-Programmgruppe gehört das zu ihrem Job. Seit dem 20. Dezember ist sie als freiwillige Aktivistin für die Organisation Open Eyes Balkanroute auf der griechischen Insel Samos stationiert (Ausgabe vom 17. Dezember).

Viel Arbeit, stürmisches Wetter

«Meine Tage sind sehr lang, und wir arbeiten den ganzen Tag draussen, das geht an die körperliche Substanz», sagt die 34-Jährige. Zudem sei es in den vergangenen Tagen stürmisch und kalt geworden. «Einerseits fällt viel Arbeit an, zudem prasseln viele Eindrücke auf mich ein.» So werde sie täglich mit Geschichten und Erlebnissen der Flüchtlinge konfrontiert, und die seien nicht immer leicht zu verkraften. Ausserdem sei mit dem schlechten Wetter auch die Anzahl der neu ankommenden Flüchtlinge aus der Türkei «explodiert». «Ist das Wetter schlecht, verlangen die Schlepper nur die Hälfte für die Fahrt», erzählt à Wengen, die schätzt, dass im Moment täglich 400 bis 500 neue Flüchtlinge die gefährliche Überfahrt überleben und im Camp ankommen.

Sophie à Wengen versorgt während dreier Wochen Flüchtlinge auf der Balkanroute. (Bild: pd)

Sophie à Wengen versorgt während dreier Wochen Flüchtlinge auf der Balkanroute. (Bild: pd)

Tagebuchschreiben hilft

Die meisten der Flüchtlinge reisen – sobald sie registriert sind und die nötigen Papiere besitzen – mit der Fähre nach Athen weiter. Wenn es mit der Weiterfahrt nicht klappt, bleiben sie auch schon mal sieben bis zehn Tage im Camp. «Das ist aber eher die Ausnahme», sagt à Wengen, die versucht, sich bei ihrem Einsatz vor allem auf eines zu konzentrieren: das Kochen. «Es ist so brutal, ich höre und sehe so viel, all diese Einzelschicksale, mir wird es oft zu viel.» Doch jeder der Aktivisten – momentan sind es zwölf – würden damit anders umgehen. «Ich schreibe viel in mein Tagebuch.» Etwa das tragische Ereignis von dem zwölfjährigen Mädchen, das hier am Hafen überfahren wurde. Oder das Schicksal des jungen Mannes, dem in seiner Heimat eine Bombe die Beine und einen Arm weggesprengt hatte. «Er war voller Mut auf der Flucht, dennoch wurde er an der Weiterreise gehindert.» Ausserdem würden immer wieder Flüchtlinge verhaftet oder verschwinden. Andere errichten Strassensperren, weil sie keine Papiere erhalten. «Es geschehen viele Dinge parallel, und uns fehlen oft Informationen.» Zudem seien ihre Tage mit Einkaufen, Rüsten und Kochen ausgefüllt.

Sophie à Wengen sieht immer wieder Dinge, die ihr zu schaffen machen. «Es werden ständig Sachen an Land gespült, man kann sich zusammenreimen, was auf dem Meer passiert ist.» Auch der Schiffsfriedhof, der ganz in der Nähe sei, jage ihr jeweils einen Schauer über den Rücken. «Es geht immer weiter, es kommen ständig mehr Flüchtlinge, und weil bei schlechtem Wetter die Überfahrt billiger ist, wird die Lage immer prekärer.»

Ende Woche rechnet man in Samos mit Regen. Wie die Aktivisten diesen bewältigen wollen, ist noch unklar. «Bei uns ist die Essensausgabe draussen, und die Flüchtlinge sind oft krank oder barfuss.» Und auch wenn die Aktivisten bescheiden leben – sie schlafen allesamt in der Küche –, fallen Ausgaben in der Höhe von rund 20 000 Franken pro Monat an, weshalb sie dringend auf Spenden angewiesen seien.

Wohltuende Feste mit Tanz

Trotz all dem Leid – in Sophie à Wengens Alltag auf Samos gibt es auch Lichtblicke: «Wir haben eine Musikbox aufgestellt, und oft wird getanzt und gefeiert.» Diese Feste seien wohltuend für alle, insbesondere für die vielen Kinder. «Es ist schön, die Menschen feiernd zu sehen, grundsätzlich ist die Stimmung im Camp aber ruhig und eher gedrückt. Aber manchmal ereignen sich auch lustige Geschichten», erzählt à Wengen. Etwa die des syrischen Nationalschwimmers, der die gefährliche Route von der Türkei nach Samos schwimmend bewältigte. «Als man ihn aus dem Wasser fischen wollte, hat er sich geweigert und ist weiter geschwommen.»

www.balkanroute.eu

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