Das falsche Osterei

Rorschacher Erinnerung

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Das Kreuz wird durch den Regen getragen. (Bild: Daniela Huber-Mühleis)

Das Kreuz wird durch den Regen getragen. (Bild: Daniela Huber-Mühleis)

Ein Ostersonntagmorgen im Rorschacher Gut-Quartier vor 75 Jahren. Die vielköpfige Familie freut sich auf das Morgenessen und die Ostereier, von der Mutter im Kaffeesatz und mit Zwiebelschalen gefärbt. Mit Ostergräsern, die wir Kinder in nahen Wiesen gesucht hatten, hatte sie die Eier umwickelt und beim Färben entstanden kunstvolle Verzierungen. Die ganze Arbeit heimlich, der Jüngste glaubt ja noch an den Osterhasen. Jetzt liegen die Eier in einem mit Stroh gefüllten Körbchen, wir Kinder dürfen uns zwei auslesen. Spitz auf Spitz und Gupf auf Gupf wird getütscht. Die Eier, die das Morgenessen unbeschädigt überstanden haben, werden für den Tütschwettkampf mit Kindern aus dem Quartier aufgespart.

Kaum zurück vom Ostergottesdienst schnell mit dem Ei auf die Strasse, wo unter Buben und Mädchen der Wettstreit bereits im Gang ist! Das eingetütschte Ei verliert man an den Gegner. Ich wage mich vor, mein Ei ist ja besonders stark, bereits am Familientisch erprobt. Der grösste Bub, Schang, hat sich bereits einige ergattert und bietet mir das Duell an. Er hält sein Ei in der Hand verborgen, nur dessen Spitz schaut heraus. Ich zögere kurz, dann schlag ich zu. Ich kann es kaum glauben, mein Ei zerstört – gut, dann halt Gupf auf Gupf für wenigstens ein Unentschieden. Doch oh Schreck, auch der Gupf ist eingedrückt. Hämisch lachend steckt Schang mein Ei ein. Ich kann meine Tränen kaum zurückhalten. Mein einziges Ei weg!

Ich schaue zu den anderen Buben auf. Einige wittern Betrug. Zeig dein Ei her! Schang weicht verlegen zurück, doch die Buben zwingen ihn zur Schau und siehe da, das täuschend echt wirkende Ei besteht aus Blech –Schang hat alle übertölpelt. Seit jenem Tag trauen ihm die Buben nicht mehr. Unsere Wege verlieren sich und als ich ihm nach vielen Jahrzehnten wieder in der Stadt begegne, steigt im alten Mann leise der kindliche Schmerz von einem unvergesslichen Ostertag hoch.

Der Osterbrauch des Eiertütschens lebte in Rorschach wieder öffentlich auf, als die katholische Pfarrei vor einigen Jahren beschloss, die Gläubigen am Karsamstagabend jeweils nach dem Besuch der Osternachtfeier zu einem Eiertütschen rund um das Osterfeuer vor der St. Kolumbanskirche einzuladen. Auch in diesem Jahr ist nach der um 20.30 Uhr beginnenden Feier Eiertütschen im Kolumbanszentrum angesagt. (el)

Hinweis

Die Eiertütschgeschichte stammt aus dem Buch «Rorschach – Geschichten aus der Region», erhältlich beim Appenzeller Verlag, ISBN 978-3-85 882-784-5

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