Das Ende einer Coiffure-Ära

Mit dem Hotel Sonne verschwindet in Rotmonten auch Peter Roduners Coiffure-Salon. Während 40 Jahren führte der 68-Jährige das Geschäft. Der Quartier-Coiffure über seine Berufswahl, Verschwiegenheit und einen Schicksalsschlag.

Sarah Schmalz
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Peter Roduner vor seinem leer geräumten Geschäft. Sein Hund begleitete ihn täglich zur Arbeit. (Bild: Michel Canonica)

Peter Roduner vor seinem leer geräumten Geschäft. Sein Hund begleitete ihn täglich zur Arbeit. (Bild: Michel Canonica)

Er wirkt nicht wie der typische Coiffure. Jedenfalls nicht wie jene etwas überkandidelten Exemplare, die ihr Stilbewusstsein mit dezentem Schwarz und überladener Gestik zum Ausdruck bringen. Peter Roduner trägt einen rötlichen Schnauz, Jeans, einen roten Woll-Pullover und ein beiges Sakko. Dass er sich aus Haaren etwas macht, verraten die keck frisierten Fransen. Gefärbt allerdings, darauf besteht der 68-Jährige, sei die braune Pracht nicht.

Auch der Bruder ist Coiffeur

Peter Roduner hat nicht von Glamour geträumt, als er sich entschied, Coiffeur zu werden. Es war eine pragmatische Entscheidung, damals: Im Wohnblock, in dem Roduners Familie in den frühen 1960er-Jahren lebte, gab es einen Herrensalon. Und nachdem sich der ältere Bruder dort hatte ausbilden lassen, tat es ihm Roduner gleich – eine Lehre musste schliesslich sein, und dem Bruder hatte es gefallen.

Die Frage, ob es andere Träume gegeben habe, beantwortet Roduner mit einem ratlosen Schulterzucken. Als habe er sich die Frage gar nie gestellt. Es war eben alles so wie es war, in Roduners Leben, aus dem der Coiffure-Laden nicht wegzudenken ist. Wehmütig ist Roduner noch nicht. Dafür blieb bislang keine Zeit: Die Ladenräume mussten ausgeräumt, Verträge aufgelöst werden. Bald wird das Hotel Sonne und mit ihm Roduners Laden abgebrochen.

Das Leben musste weitergehen

Vor vierzig Jahren hat Roduner seinen Coiffure-Salon eröffnet. Zusammen mit seiner Frau, die er bei seiner ersten Arbeitsstelle kennengelernt hatte. Fortan bestimmte das Geschäft den Lebensrhythmus: Roduners Frau leitete den Damensalon, er selbst den Herren-Coiffure. Nachdem vor dreissig Jahren der gemeinsame Sohn geboren worden war, blieb Roduner freitags zu Hause, weil dann der Ansturm auf den Damensalon am grössten war. «Dass ich als Mann Haushaltspflichten übernahm, haben damals viele nicht verstanden.» Das gemeinsame Leben hat vor fünf Jahren ein abruptes Ende gefunden: Zwei Jahre davor war Roduners Frau an einem aggressiven Hirntumor erkrankt. In der schwierigen Zeit der Krankheit und des Abschieds waren nicht nur die langjährigen Angestellten eine Stütze; der grosse Bruder half ebenfalls im Geschäft aus.

Jeden Tag zu Fuss

Auch sein Hund war Roduner immer eine Stütze: Bis vor wenigen Wochen spazierte er mit ihm jeden Morgen von seinem Zuhause in Wittenbach nach Rotmonten. Sportlich war der Coiffure schon immer, dennoch erlitt er vor neun Jahren einen Herzinfarkt – für Roduner ein Warnschuss. Seine Kontinental-Bulldogge ist in Rotmonten so bekannt wie der Coiffure selbst, der beim Posieren vor dem leer geräumten Geschäft immer wieder gegrüsst wird.

Schliesslich hat er ganzen Familien die Haare geschnitten: Grossvätern, Kindern, Kindeskindern. Die gutbetuchten Frauen des Quartiers waren früher einmal pro Woche zum «Waschen, Legen, Föhnen» bei Roduners Frau. Das hat sich über die Jahre geändert: Die Generation der perfekt frisierten «Damen des Hauses» stirbt langsam aus.

Die angenehmen Reichen

Die jüngeren Kundinnen kamen seltener, viele von ihnen dennoch regelmässig. Wie die Herren. «Ich war schnell», sagt Roduner. «Und kannte die Wünsche meiner Stammkunden.» Der Coiffure wusste auch von ihren Sorgen, dem Klatsch und Tratsch des Quartiers. Doch Roduner ist diskret. Und seine Verschwiegenheit schätzten besonders die prominenten Kunden. Roduner ist sichtlich stolz auf die «illustren Persönlichkeiten», denen er die Haare geschnitten hat. Der Umgang mit den prominenten Hügelbewohnern sei sehr angenehm gewesen, betont er – noch immer ganz der taktvolle Geschäftsmann. «Es gab keine Extravaganzen. Dafür grosszügige Trinkgelder.»

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