«Das Dorf ohne Sündenfall»

«Ora et labora» – arbeiten, beten, viel mehr kannte man im alten Mörschwil nicht. Seit neun Jahren lässt sich Arthur Dietrich berichten, wie es vor 1960 war. Am Seniorennachmittag gab er einen Einblick in das gesammelte Erzählgut.

Josef Osterwalder
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Arthur Dietrich erzählt am Seniorennachmittag, wie es in Mörschwil damals war. (Bild: Urs Bucher)

Arthur Dietrich erzählt am Seniorennachmittag, wie es in Mörschwil damals war. (Bild: Urs Bucher)

mörschwil. «Kein Mord, kein Skandal, kein Sündenfall; das alte Mörschwil scheint ein langweiliges Dorf gewesen zu sein», sagt Arthur Dietrich – um diesen Eindruck gleich zu korrigieren. Denn was ihm die älteren Einwohnerinnen und Einwohner berichten, ergibt das Bild von einer quicklebendigen Dorfgemeinschaft, von einer kleinen aber äusserst vielfältigen Welt.

Da gab es grosse und kleine Bauernhöfe, Kleingewerbe vom Schreiner bis zum Schlosser, kleine, auf das ganze Gemeindegebiet verstreute Lebensmittelgeschäfte und Bäckereien. Wer nicht als Bauer sein eigenes Land bestellen oder sonst im Dorf arbeiten konnte, suchte eine Stelle in den Industriebetrieben am See. Andere fanden eine Beschäftigung in der Stadt. Das alles war mit grossem Aufwand und langen Wegstrecken verbunden.

Unterhaltung selbst gemacht

Für den Sonntag bot die Kirche ein Vollprogramm. Die Mutter eilte in die Frühmesse, um dann den Braten in den Ofen zu stecken; Vater und Kinder besuchten den Hauptgottesdienst. Nach dem Mittagessen ging's für die Kinder in die Christenlehre. Und im Mai gab es zusätzlich am Abend noch die Maiandacht.

Nicht so ganz ins Bild vom unschuldigen Dorf passen allerdings die dreizehn oder vierzehn Wirtshäuser und die Geschichten von legendären Jasspartien. Zudem hatten die Mörschwiler trotz allem noch genügend Zeit für ein üppiges Vereinsleben. Im Winter gab es einen Unterhaltungs- und Theaterabend nach dem andern.

Hundert Interviews

Von all dem berichtete Arthur Dietrich am Donnerstagnachmittag vor den Seniorinnen und Senioren, die sich im Gemeindezentrum zusammenfanden. Gut hundert Interviews hat er bisher mit Einwohnern geführt, eine Vielzahl von Berichten zusammengetragen. Sie alle werden von ihm auf dem Computer erfasst und in eine Datenbank gestellt. Auf diese Weise können sie später einmal vielseitig genutzt werden.

Sammeln, nicht interpretieren

So professionell das tönt, Arthur Dietrich würde sich nicht Lokalhistoriker nennen. «Ich sammle lediglich», sagt er, «deuten werde ich selber nicht.» Gerade dieser Verzicht auf Interpretationen macht aber seine Arbeit so wertvoll. Denn auch seine Gewährsleute sind bemüht, ein möglichst genaues Bild der frühern Zeit zu entwerfen; sie wollen diese weder miesmachen noch verklären. «Die gute alte Zeit war nicht immer so gut», hat ihm ein Gesprächspartner gesagt. «Genau so war's», sagt der eine nach einem Bericht; «nein bei uns ist es anders gewesen», meint ein anderer; das ist der Reiz der erzählten Geschichte.

Dorf als Kosmos

Am Seniorennachmittag berichtete Arthur Dietrich von all den Details, die zum Leben im Dorf gehörten: vom Eiszapfen, der sich im Winter im Schlafzimmer bildete; vom Kinderbadetag; von der Orgelempore, auf der die Bauern am Sonntag noch rasch einen Viehhandel abschlossen; von der «Hütte», in der nicht nur die Milch abgegeben, sondern auch die Dorfpolitik gemacht wurde; von den Wagenkolonnen, mit denen im Herbst das Mostobst zum Bahnhof gefahren wurde; von den sogenannten Schulferien, die in Wirklichkeit Arbeitswochen waren: im Sommer zum Heuen, im Herbst zur Obstlese. All dies fügt Arthur Dietrich in kunstvoller Assoziationsreihe zusammen. Die einzelnen Episoden wirken wie Pinselstriche, die sich mehr und mehr zu einem Ganzen zusammenfügen. Aus ihnen entsteht das Bild eines Dorfes, das in sich selber ein kleiner, bunter Kosmos war.

Der Neid der Städter

«Weisst Du denn wo Mörschwil liegt?», hat Liedermacher Roman Brunschwiler einst gesungen; «zwischen Mörschwil und Pfingsten» hat Hermann Bauer einmal getitelt – das alles tönte zwar ein bisschen städtisch, überheblich, vielleicht aber war es auch neidvoll gemeint.

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