Das Buch zum Pionierprojekt

Der Band «Heisszeit» beschreibt minutiös die Planung, die Durchführung und das Scheitern des Geothermieprojektes. Das Ganze aus offizieller Sicht der Stadt. Etwas Selbstbeweihräucherung und Eigenwerbung sind damit inbegriffen.

Reto Voneschen
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Der Geothermie-Bohrplatz im Sittertobel im März 2013. (Archivbild: Hanspeter Schiess)

Der Geothermie-Bohrplatz im Sittertobel im März 2013. (Archivbild: Hanspeter Schiess)

Neben siegreichen Schlachten haben in der traditionellen Geschichtsschreibung auch viele verlorene Hauen und Stechen das Zeug, um zur Legende zu werden. Ein aktuelles Beispiel für die Verklärung eines Gemetzels ist die Schlacht von Marignano: Sie ist heute, 500 Jahre danach, sogar zum Legenden-Zankapfel zwischen rechter und linker Sicht der Schweiz geworden. Offenbar eignen sich aber nicht nur Schlachten für die Legendenbildung. In St. Gallen beispielsweise wird seit dem Abbruch der Übung fleissig am Epos über das Geothermieprojekt gestrickt. Was streckenweise etwas kurios wirkt: Rechtfertigungsbedarf haben die Verantwortlichen nämlich keinen. Die grosse Mehrheit der Städterinnen und Städter stand und steht zur – leider – missglückten Pioniertat. Dank vorbildlicher Öffentlichkeitsarbeit waren wir alle uns der Risiken bewusst, als wir das Projekt an der Abstimmungsurne gutgeheissen haben.

Eigenwerbung in Buchform

Dass die St. Galler Stadtwerke das Jahrhundertprojekt Geothermie mit einem Film (siehe Ausgabe vom 22. August) und dem Buch «Heisszeit» dokumentieren, ist angemessen. Machart und Inhalt des Bandes werfen aber grundsätzlich eine Frage auf: Ist es wirklich Aufgabe einer Abteilung der Stadt, Eigenwerbung in Buchform zu betreiben?

Die Publikation enthält eine ziemliche Portion Selbstbeweihräucherung. Man merkt ihr an, dass sie aus der Küche der Verwaltung kommt. Eine unabhängige Bewertung des Geothermieprojektes ist darin nicht zu erwarten. Auch wenn die Texte vom gestandenen Journalisten Michael Breu geschrieben wurden. Was hier vorgelegt wird, ist die offizielle Sicht. Umfangreich und schön bebildert, aber auch ziemlich amtlich. Dies etwa gleich am Anfang, wenn es nicht weniger als vier im Inhalt sich wiederholende Vorworte einer Bundesrätin, eines Regierungsrates, des Stadtpräsidenten und der beiden Projektleiter braucht.

Unzählige Details zum Projekt

Das Kernstück von «Heisszeit» ist eine Beschreibung des Geothermieprojektes und seiner Umsetzung. Dieser Text füllt 42 der 112 Buchseiten. Nach einer Einleitung, die – ganz journalistisch – das Ende vorwegnimmt, ist die Beschreibung chronologisch aufgebaut. Darin eingestreut sind Abschnitte über die Geothermie und die zur Anwendung kommende Technik.

Der Autor breitet hier mit Bienenfleiss unzählige Fakten zum Projekt und seiner Geschichte aus. Da und dort wird das vielleicht sogar zu viel des Guten. Eine Unterteilung des Hauptkapitels in zwei grosse Abschnitte, nämlich einen für die Theorie und einen für die Projektabwicklung, hätte die Lesbarkeit für den Laien vermutlich erhöht.

Nützliche Ergänzungen zum Hauptkapitel sind die Beschreibung des Bohrplatzes und der Blick in die Geologie unter der Region St. Gallen. Letzterer ist zwar keine einfache Lektüre, was am komplexen Thema liegt. Spannend ist das Kapitel mit den Aussagen der Experten, was eigentlich am 20. Juli 2013 rund 4500 Meter unter dem Sittertobel geschehen ist, was das Geothermie-Erdbeben ausgelöst hat. Was in diesem Teil allerdings die Neubewertung des Erdbebens vom Dezember 1720 durch ETH-Forscher zu suchen hat, erschliesst sich nicht wirklich.

Für Aussenstehende vielleicht weniger interessant, für Öffentlichkeitsarbeiter aber Pflichtlektüre ist das Kapitel «Mit Kommunikation zum Erfolg». Die Verantwortlichen des Geothermieprojektes – darunter an vorderster Stelle Stadtrat Fredy Brunner – genossen «im Volk» eine hohe Glaubwürdigkeit. Was unabdingbar dafür war, dass das Vorhaben gestartet werden konnte. Wie dieses Vertrauen mit «ehrlicher, transparenter und zeitgerechter Kommunikation» aufgebaut wurde, illustriert dieser Teil des Buches.

Nachschlagewerk und Lektüre

Unter dem Strich enthält der Band «Heisszeit» viel Wissenswertes über das St. Galler Geothermieprojekt. Er ist trotzdem mehr als ein Nachschlagewerk: Für am Thema Interessierte eignet er sich sehr wohl als eher leichte Lektüre aufs Nachttischchen oder in den Ferien. Durchs Band stark ist das Bildmaterial. Und als Bonus liegt dem Buch die DVD mit dem Film «Reise in die Tiefe» bei.

«Heisszeit» ist für 29.50 Franken in den Buchhandlungen Comedia, Zur Rose, Bücher-Insel und Rösslitor erhältlich. Erschienen ist das Buch im Rahmen der «Schriftenreihe der Stadt St. Gallen» bei der Verlagsgenossenschaft St. Gallen (VGS).