Das befreite Espenmoos

Menschen sind eigentümliche Wesen. Aber vielleicht auch nur, wenn sie ihr Herz dem Fussball verschenkt haben und Anhänger des FC St. Gallen sind. Jahrelang sehnte sich eine gefühlte Mehrheit nach dem neuen Stadion: Der modernen Arena, die den FC St.

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Menschen sind eigentümliche Wesen. Aber vielleicht auch nur, wenn sie ihr Herz dem Fussball verschenkt haben und Anhänger des FC St. Gallen sind. Jahrelang sehnte sich eine gefühlte Mehrheit nach dem neuen Stadion: Der modernen Arena, die den FC St. Gallen mit einem Hauch von grosser Fussballwelt umwehen sollte. Doch zwei Jahre nach der Eröffnung schwärmen viele wieder vom guten alten Espenmoos, wo doch so tolle Stimmung geherrscht hatte. Wo der FC St. Gallen Meister geworden ist und jedes Spiel seiner langen Geschichte gewonnen hat.

Wo die Bratwurst noch gebraten war und man den Heimgang nach dem Spiel nochmals in einer Menschenschlange vor dem Kellenberger-Durchgang erstehen durfte.

Romantische Gefühle

Tempi passati für immer. Das Espenmoos 2010 ist ein Espenmoos, wie man es in seiner 100jährigen Sportgeschichte noch nie erlebt hat. Die Kassahäuschen sind einer malerisch gestalteten Eingangspartie gewichen, die auch am Lago di Lugano romantische Gefühle wecken würde. Die Stehrampen sind weg.

Und dort, wo einst Platzwart Boscardin dem Trainingsplatz Sorge hielt und zwischendurch ein sumpfiger Sandplatz zum Verweilen einlud, spriesst nun der Kunstrasen.

Von Frauen erobert

Nur der Tribünen-Schnitz hat unverrückbar überlebt. Äusserlich zumindest. Drinnen haben ebenfalls Restaurateure Hand angelegt. An Heiligtümern.

Assistenztrainer Werner Zünd, der mit unzähligen Chefs zusammengearbeitet hat, stellte bei der Eröffnung eher entsetzt denn amüsiert fest, dass aus dem Trainerbüro ein Damen-WC geworden ist. Jenem Gemach, in dem Sommer, Johannsen, Hegi, Koller und wie sie alle hiessen, ihre letzten Instruktionen vorbereiteten. Frauen belegten bei demselben Anlass auch die nach Zellweger benannte Spielerkabine.

Wer auf dem Rundgang die aktuell reizvollste Garderobe besichtigen wollte, wurde höflich, aber bestimmt hinauskomplimentiert.

Ja, das Espenmoos wirkt befreit. Befreit von den Gittern des vom Verband verfügten Hochsicherheitstrakts, befreit vom Mob, befreit vom Lärm des Showsports. All das ist in den Westen der Stadt gezogen und hat sich dort wieder installiert. Und in der Arena träumen sie vom Espenmoos und leiden an der Mannschaft.

Sie leiden, weil sie, im Gegensatz zu den erfolgsverwöhnten Anhängern in Basel oder Zürich, fast nie etwas anderes getan haben. Etwas wenigstens, das sich nicht verändert hat. Fredi Kurth