«Dann geht für alle eine Welt auf»

Wechsel an der Spitze der Integrationsförderung im Kanton St. Gallen: Am 1. Oktober hat Ramona Giarraputo die Nachfolge von Beda Meier angetreten. Ein harmonischer Wechsel auf einem erfolgreichen Kurs.

Marcel Elsener
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Gemeinsam vorwärts gegangen – Beda Meier und seine Nachfolgerin Ramona Giarraputo. (Bild: Urs Jaudas)

Gemeinsam vorwärts gegangen – Beda Meier und seine Nachfolgerin Ramona Giarraputo. (Bild: Urs Jaudas)

ST. GALLEN. Soviel Zündstoff das Thema Integration immer wieder bietet, so wenig explosiv ist die Amtsübergabe im dafür zuständigen Büro. Im St. Galler Regierungsgebäude sprechen Ramona Giarraputo, die neue Integrations-chefin – offiziell: Leiterin des Kompetenzzentrums Integration und Gleichstellung im Departement des Innern –, und ihr bereits ausgezogener Vorgänger Beda Meier von einer «idealen Situation und problemlosen Kontinuität der gemeinsamen Arbeit».

«Beda Meier und ich haben vieles zusammen entwickelt», sagt Giarraputo. Die Wilerin mit sizilianischen Wurzeln war seit fünf Jahren Stellvertreterin des ebenfalls aus Wil stammenden ersten Integrationsbeauftragten, der die Fachstelle ab 2001 aufgebaut hatte. Bekanntlich erfolgreich: Die St. Galler Integrationsförderung mit ihrem regionalen Netz von Fachstellen ist ein Modell, das mittlerweile von anderen Kantonen mit ländlichem Raum adaptiert wird. «Gute Integrationspolitik bedeutet Arbeit vor Ort», sagen die Verantwortlichen und meinen die angestrebte Partizipation von Migranten in ihren Gemeinden.

Netz regionaler Fachstellen

Je näher die Auskunftsstelle, desto wirksamer die Information: Ramona Giarraputo freut sich über den jüngsten Anlauf im Rheintal, die Offenen Sprechstunden und Begrüssungsinformationen für neu zugezogene Migranten künftig nicht mehr an einem Standort, sondern dezentral in vier Gemeinden anzubieten. St. Margrethen mit seinem Ausländeranteil von fast 50 Prozent, wo die Behörden vom vielfältigen Nutzen der Integrationsarbeit überzeugt sind, wird im Gespräch mehrfach als Vorbild herausgestrichen – und sei es nur wegen der «Normalisierung», wenn etwa die Gemeinde selbstverständlich mehrsprachig informiert.

Die regionale Integrationsförderung im Rheintal ist – neben dem Quartierentwicklungsprojekt «projet urbain» in Rorschach – ein schweizerisches Pionierprojekt, an dem Giarraputo seit Jahren entscheidend mitwirkt. Und es ist sozusagen die Verfeinerung dessen, was die Stelle in den elf Jahren ihres Aufbaus erreicht hat: im Kanton ein regionales Netz von fünf Fachstellen aufzubauen, das von Buchs bis Uznach die lokalen Beteiligten sowie private und öffentliche Angebote verknüpft. «Damit hat die Integration vor Ort in der Landschaft ein Gesicht erhalten», sagt Beda Meier. Inzwischen wächst dort auch die Einsicht, dass der Prozess nicht auf einseitige Spracherwerb-Forderungen («Lernt zuerst mal Deutsch») reduziert werden kann, sondern «alle etwas angeht», wie Giarraputo ergänzt: «Integration betrifft auch uns Einheimische.»

Selbstverständlich sind die Deutschkurse von eminenter Bedeutung, ebenso wie der Vermittlungsdienst für Übersetzungen zugunsten Gemeinden und privater Institutionen: Von 2000 Stunden im 2001 (durch die Stadtsanktgaller Arge Integration) ist die Zahl auf heute gut 8000 Stunden Übersetzungen in der gesamten Ostschweiz angewachsen.

Ressourcen nutzen

Sprache kann – wie Arbeit – ein «Steigbügel zur Integration» sein, doch letztlich geht es nach Meinung der beiden Fachleute um Mitbeteiligung an der Gesellschaft. «Die Ressourcen der Ausländer zu nutzen und ihre Mitwirkung im Kleinen zu verlangen, ist eigentlich urschweizerisch, direkt-demokratisch», sagt Meier. «Statt wie in einem Arbeitslager immer nur zu fordern, könnte man auch <miteinander ins Geschäft kommen>.» Letztlich geht es um jenen Bürgersinn, den viele Schweizer zunehmend vermissen lassen; sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen, bedeutet Verantwortung zu übernehmen – für eine Nachbarschaft, in der Dorffeuerwehr, in einem Verein.

Wenn unsere Gesellschaft den Migranten Wertschätzung entgegenbringe, so Giarraputo, «geht für alle eine Welt auf». Als sie jüngst vor Italienern in St. Gallen sprach, erzählten ihr diese hernach stundenlang von ihren Arbeitsleistungen. Meiers Beispiele zielen in die gleiche Richtung: Ein Italiener im Klublokal in Wil, den zu Tränen rührt, dass «nach all den Jahren jemand vom Staat vorbeikommt»; ein Türke in St. Margrethen, der sich im Elternrat «erstmals nicht als Türke, sondern als Vater» wahrgenommen fühlt. Wenn die Integrations-Fachleute Begriffe benützen wie Realitätsherstellung, Aufnahmegesellschaft oder Zuständigkeitsstruktur, wissen sie um die Stolpersteine der Verständlichkeit.

Verständlich und innovativ

Rückblickend würde sich Beda Meier «früher überlegen, wie wir unser Soziologen-Kauderwelsch besser vermitteln». Andererseits kann er sich den Vorwurf an die Politik nicht verkneifen, in Sachen Integration «oft informationsresistent» zu sein, und nennt als jüngstes Beispiel nicht die SVP, die seine Fachstelle immer wieder anzweifelte, sondern die SP und ihr «unsägliches Migrationspapier». Für Meier ist die Bundesverfassung das «grösste Integrationskonzept der Schweiz», wie er öfter betont, «doch wer spricht heute von Chancengleichheit, Persönlichkeitsschutz, Trennung von Kirche und Staat...?»

So viele Auftritte in den Medien wie ihr Vorgänger wird Giarraputo kaum haben. Doch Meiers Haltung und seine Abschiedsworte – im St. Galler Newsletter Integration – kann sie unterschreiben: «Integration lebt von Innovation. Es geht um die Art, wie wir – in immer neuer Mischung – zusammen leben werden. Integration ist deshalb ein Zukunftsprojekt. Sie ist dann erfolgreich, wenn alle mit von der Partie sind. Wohin die gemeinsame Reise geht, ist die zentrale Frage, die es auch gemeinsam zu beantworten gilt.» In diesem Sinn will sich die neue Leiterin grenzüberschreitend von innovativen Projekten inspirieren lassen und nennt etwa die Initiative «Mehr Sprache» in Vorarlberg, mit dessen Integrationsstelle «okay.zusammen.leben» man seit Jahren intensiv austausche.

«Interkultur» und «Together»

Passenderweise empfiehlt Giarraputo als Lektüre für Mitdenkende Mark Terkessidids' «Interkultur», aber auch das Booklet mit 42 Kinderversen in zwölf Sprachen der Schweizer Elternbildung. Derweil Meier, der ab 2013 als Valida-Direktor auf dem Gebiet der (Arbeits-)Integration tätig bleibt, mit dem neuen Buch «Together» des New Yorker Soziologen Richard Sennett auf den Weg geht. Als Anliegen und Herausforderung bleibt beiden Integrationsexperten, in einer komplizierter werdenden Welt die Vielfalt nutzbar zu machen – damit für alle eine Welt aufgeht.