Dank Facebook am Puls bleiben

ST.GALLEN. Wie funktioniert heute die politische Meinungsbildung? Leserbrief und Podiumsveranstaltung haben zwar nicht ganz ausgedient, aber Facebook hat mächtig aufgeholt. Die Stadt St. Gallen reagiert.

Andreas Nagel
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Vernetzung via Facebook ist Realität: Da kann auch die öffentliche Hand nicht hinten anstehen. (Bild: Reto Martin)

Vernetzung via Facebook ist Realität: Da kann auch die öffentliche Hand nicht hinten anstehen. (Bild: Reto Martin)

Schon heute finde ein grosser Teil der politischen Diskussion sowie der Diskurs über wichtige gesellschaftliche Themen in den sozialen Medien statt, lässt sich die Kommunikationswissenschafterin Katarina Stanoevska-Slabeva im neusten HSG-Blatt zitieren. Gemeint sind Facebook, Twitter oder Yammer, sogenannt online-basierte Kommunikationskanäle, Online-Plattformen, die allgemein unter dem Begriff der Social Media laufen.

Bürgernähe nur mit Internet

Für Computer-Muffel sind das zwar keine sehr «amächeligen» Bezeichnungen. Wer sich aber auch nur ansatzweise am gesellschaftlichen Leben beteiligt, wird über kurz oder lang nicht um sie herumkommen. Politikerinnen und Politiker erst recht nicht. Vorausgesetzt freilich, sie wollen tatsächlich wissen, wo die Bevölkerung der Schuh drückt. Mithin ja entscheidendes Qualitätsmerkmal von Volksabgeordneten, das gerne Bürgernähe geheissen wird.

Bereits gibt es im fraglichen Zusammenhang auch ein neues Berufsfeld, das Social Media Monitoring, worunter die systematische Beobachtung und Analyse von Social-Media-Beiträgen verstanden wird. «Trends sollen frühzeitig erkannt und natürlich danach gehandelt werden, damit man nicht plötzlich mit abgesägten Hosen dasteht», bringt es der Informationsbeauftragte der Stadt St. Gallen Urs Weishaupt auf den Punkt.

Er ist Mitglied einer verwaltungsinternen «E-Government-TaskForce», einer Schnelleingreif-Truppe punkto digitaler Kommunikation zwischen Bürger und Staat also. Nebst der städtischen Fachstelle Kommunikation hat darin auch der Leiter der Informatikdienste Hans Vetsch Einsitz.

Ins Leben gerufen wurde die «Truppe» Anfang Jahr, nachdem sich im Rathaus die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass sich Facebook zu einer immer ernster zu nehmenden Form der politischen Mitwirkung entwickelt.

Bestätigt wurde diese Einschätzung dann durch die Diskussionen rund um die Marktplatz-Neugestaltung, namentlich die umstrittene Verlegung der Calatrava-Wartehalle am Bohl. Da zeigte sich in der Stadt erstmals, wie Widerstand auch digital aufgebaut werden kann.

«Wir haben in der Folge unser Kommunikationskonzept überarbeitet und die sozialen Medien eingebaut», sagt Weishaupt.

In welcher Ausprägung und mit welchen erhofften Effekten will er mit Verweis auf eine baldige Medienorientierung noch nicht verraten. Zu entlocken ist ihm aber immerhin das Wort «Pionierleistung», das dank Geothermie und Glasfaser hier in jüngster Zeit immer mal wieder gefallen ist.

Alle Zielgruppen abholen

Zwei Millionen aktive Facebook-User in der Schweiz, davon 80 Prozent im Alter zwischen 18 und 54 Jahren bei ausgeglichenem Verhältnis zwischen männlichen

und weiblichen Nutzern: «Das zwingt zum Handeln», sagt Urs Weishaupt, zumal, wie diese Zahlen belegten, längst nicht mehr nur die «ganz Jungen» die neuen Kommunikationskanäle nutzten. Ziel einer Stadt müsse es sein, sämtliche Zielgruppen abzuholen. Auf welchem Weg auch immer. «Gelingt dies nicht mehr, sind neue Methoden gefragt.»