DAMPFLOKOMOTIVE: Pensionärin unter Dampf

Die normalspurige Zahnrad-Dampflokomotive Rosa ist 65 geworden: Seit 1998 klettert der Verein Eurovapor aus Sulgen mit ihr jeweils am ersten Sonntag im Monat von Rorschach hinauf zur Sonnenterrasse Heiden.

Sabine Tschudi
Drucken
Teilen

RORSCHACH. Schon um sechs Uhr morgens bringen Fritz Dornbierer, gelernter Lokführer, und sein Sohn Kevin, gelernter Mechaniker und Heizer, «Rosa» in Schwung. Die Kleinlokomotive war 1951 als letzte Dampflok der Schweiz für die Industrie an die Maschinenfabrik Rüti geliefert worden. 1997 hat sie der Verein Eurovapor Lokremise Sulgen erstanden. Seit 1998 fährt die Lok mit einem Dienstgewicht von 30 Tonnen jeden ersten Sonntag im Monat von Mai bis Oktober die 5,6 Kilometer lange Strecke von Rorschach hinauf zum Biedermeierdorf Heiden.

Kohlen schippen um sechs Uhr

Am Morgen früh heisst das für Vater und Sohn Dornbierer erst einmal Kohlen schaufeln und heizen. An diesem nasskalten Morgen wärmen sich beide aber gerne am Feuer. Noch anderthalb Stunden muss geheizt werden, bis «Rosa» zum Hafen in Rorschach fährt und ihre Kundschaft abholt. So bleibt genügend Zeit, allerlei Wissenswertes über die kleine Lok zu erfahren. Zum Beispiel, dass sie mit maximal 20 Kilometern pro Stunde fährt – im Zahnradbetrieb gerade noch acht (!) –, 500 Kilogramm Kohlen und 2500 Liter Wasser laden kann, und für den Weg von Rorschach nach Heiden rund 300 Kilogramm Kohlen verbrennt. Mit dieser Hitze werden 2000 Liter Wasser in Dampf verwandelt, der mittels zweier Zylinder oder Kolben die Lokomotive vorwärts treibt.

Eine Lok, drei Wagen

Hans Knupp, Lokführer und ebenfalls begeisterter «Dämpfeler», wie sich die Mitglieder des Vereins nennen, stösst zur Truppe. Kurz wird die Bahnkomposition besprochen und man einigt sich, bei dem trüben Wetter zwei geschlossene und einen offenen Wagen anzuhängen. Vater und Sohn Dornbierer schwingen sich auf die Lok, es dampft, das Warnsignal ertönt und «Rosa» zuckelt über die Weiche nach vorne. Diese wird umgestellt und die Lok dampft rückwärts bis zum Poller des ersten Personenwagens. Der wird jetzt angekoppelt. Um 10.15 Uhr ist es so weit. Als in Rorschach Hafen alle Gäste eingestiegen sind, wird noch einmal richtig gedampft, das Warnsignal pfeift. Jetzt erst geht es richtig los.

Als «Rosa» beim Zahnrad ankommt, bremst Dornbierer leicht. «Das ist wichtig, damit die Zahnräder gut ineinandergreifen», erklärt er. Sohn Kevin schaufelt im engen Führerstand immer wieder Kohlen in den feurigen Schlund des Heizkessels. Bei jeder Ladung öffnet Vater Fritz die Ofentüre und schliesst sie sofort wieder, damit nicht zu viel Frischluft die Hitze hochtreibt. Daneben bedient er zwei massive Schalthebel mit diversen Einkerbungen. «Der hier lässt sich mit dem Gaspedal beim Autofahren vergleichen», sagt er. Mit ihm wird geregelt, wie viel Dampf in den Kolben kommt. Der andere entspricht ungefähr einer Gangschaltung. Damit wird bestimmt, wie lange der Dampf im Kolben bleibt, um die optimale Kraft für das zu befahrende Gelände auf die Gleise zu bringen. Zusätzlich muss er auch noch die Wassermenge im Auge behalten.

Druck, Wasser, Feuer

Schon wieder ist es Zeit, Kohlen nachzulegen. Kevin Dornbierer verteilt die Kohlen fachmännisch auf der Heizfläche, so geben sie gleichmässig Wärme ab. Schon hat er die Hand wieder am Druckhebel und reguliert den Wasserdampf. Sein Urgrossvater ist noch ganz regulär Dampfbahn gefahren. Bei seinem Grossvater sei das «Dämpfelen» bereits die Ausnahme gewesen. 1930 war die Originallokomotive der Heidener Bahn ausgemustert worden. Vater Dornbierer hat das Lokführen bereits ohne Dampf gelernt. Sohn Kevin hat das Heizer-Handwerk während vier Jahren im aktiven Betrieb erlernt.

Schnaufend und fauchend kommt «Rosa» in Wienacht-Tobel an. Dampf ablassen, Druck regulieren, Räder bremsen – alles geht fliessend. Der Wassertank wird aus dem Wasserhahn des 25 000 Liter fassenden Wassertanks gefüllt, der in Wienacht stationiert ist. «Rosa» muss jetzt kurz aufs Nebengleis, denn der reguläre, elektrisch betriebene Zug von Heiden nach Rorschach kommt entgegen. Knupp am Aussichtsposten hebt die Hand zum Zeichen, dass die Fahrt frei ist und Dornbierer gibt das Kommando «Rosa vorwärts!»

Das steilste Stück ist überwunden, «Rosa» dampft gemütlich ihrem Ziel entgegen, es braucht weniger Kohle. Diese Reisegeschwindigkeit lässt viel Zeit, sich in die schöne frühlingshafte Natur zu vertiefen.

Zehn 50-Kilo-Säcke Kohle

Auf der Sonnenterrasse angekommen lockt ein Kuchenbuffet mit Heidler Spezialitäten und Kaffee, um dem nasskalten Wetter etwas Wärme entgegenzusetzen. Für den Heizer und den Fahrer hört die Arbeit noch lange nicht auf. Kevin Dornbierer muss die 2000 verdampften Liter Wasser nachfüllen und Dornbierer Senior schleppt Kohlensäcke. Zehn 50-Kilo-Säcke müssen die steile Leiter hoch. «Da brauchst du kein Fitnesscenter mehr», lacht er, und hievt gekonnt einen Sack nach oben. Dann ist auch ihnen eine Pause vergönnt und Kevin holt das während der Fahrt am Heizkessel gewärmte Essen – die Zugsbesatzung lässt es sich schmecken.

Nach zwei Stunden Pause heisst es wieder: «Alle Mann an Bord.» Und «Rosa» dampft dem Tal entgegen. Jetzt muss nicht mehr geheizt werden, dafür kommen verschiedene Bremsen ins Spiel. Der professionelle Einsatz von Druckzylinderbremse, Klotzbremse und Zahnradbremse macht die Abfahrt sicher. Ab und zu dampft ein Wölkchen aus dem Schornstein. Wasserstand, Dampfvolumen, Druck und alle weiteren Parameter sind unter Kontrolle.

Und ganz leise versteht man die Nostalgie, die hinter dem Fahrerlebnis steckt, und jeden «Dämpfeler», der seiner Dampflokomotive treu ergeben ist.

«Rosa» überwindet auf der Fahrt nach Heiden 400 Meter Höhe. (Bilder: Sabine Tschudi)

«Rosa» überwindet auf der Fahrt nach Heiden 400 Meter Höhe. (Bilder: Sabine Tschudi)