Damit das Bauland nicht ausgeht

Verdichtung ist ein aktuelles Schlagwort im Städtebau. Gemeint ist damit die intensivere Nutzung von Bauland, aber auch von Arealen und Liegenschaften im Siedlungsgebiet. Eine Vortragsreihe spürt Aspekten des Schlagworts nach.

Reto Voneschen
Drucken
Teilen
Verdichtetes Bauen mit hoher Qualität in einer der neuen Siedlungen am Birnbäumenhang. (Bild: Ralph Ribi)

Verdichtetes Bauen mit hoher Qualität in einer der neuen Siedlungen am Birnbäumenhang. (Bild: Ralph Ribi)

«Die Stadt ist gebaut.» So löste die Zürcher Bauchefin Ursula Koch in den 1980er-Jahren eine heftige Diskussion aus. Heute ist das, worum damals ausgiebig gestritten wurde, in vielen Städten, auch in St. Gallen, anerkannte Stossrichtung der Stadtentwicklung: Die Stadt soll sich nicht ins Umland fressen. Innerstädtisch noch vorhandenes Bauland soll möglichst dicht überbaut werden. Und im Siedlungsgebiet soll die Nutzungsintensität durch Neu-, Um- und Ausbauten erhöht werden.

St. Gallen füllt Baulücken

In der Stadt St. Gallen ist verdichtetes Bauen seit der Totalrevision von Bauordnung und Zonenplan eine Tugend. Im letzten Jahrzehnt wurden in der Stadt denn auch sehr viele Verdichtungsprojekte reibungslos und ohne grosses Aufsehen über die Bühne gebracht. Unter anderem war dies in Parks rund um alte Villen am Rosenberghang der Fall. Schlagzeilen lösten Verdichtungsprojekte nur aus, wenn sie aus der Nachbarschaft bekämpft wurden.

Paradebeispiel eines solchen Falles ist die 2007 nach einem heftigen Abstimmungskampf vom Volk abgelehnte Neuüberbauung des alten Güterbahnhofs. Zentrales Argument gegen die Planung: zu hohe Häuser. Ein anderes Beispiel für Streit um bauliche Verdichtung sind die Neubauten Distelistrasse 3 und 5 in Bruggen: Hier wurde vor dem Baubeginn über ein Jahrzehnt geplant und gestritten.

Ein aktueller Fall von Widerstand gegen die an sich sinnvolle Umnutzung und Verdichtung eines Gewerbeareals spielt sich derzeit im Lachenquartier ab: Auf dem heute wenig intensiv genutzten Areal einer Schreinerei und Zimmerei will eine private Bauherrschaft eine Wohn- und Geschäftsüberbauung hochziehen. Die Bewilligungsphase des Projektes läuft sehr harzig. Dies unter anderem, weil die Behörden vor der ersten öffentlichen Auflage der Pläne offensichtlich ihre Hausaufgaben nicht wirklich gemacht haben. Zudem liess die Kommunikation mit dem Quartier, das sich vor Mehrverkehr fürchtet, zu wünschen übrig. Im zweiten Auflageverfahren gingen sieben Einsprachen ein. Jetzt ist die Stadt daran, ein Verkehrskonzept auf die Beine zu stellen.

Der theoretische Hintergrund

Wenn man die bauliche Entwicklung in St. Gallen in den letzten dreissig Jahren verfolgt hat oder wenn man einige der spektakuläreren Fälle kennt, in denen Projekte auf Widerstand stiessen, ist die laufende dreiteilige Vortragsreihe «Innenentwicklung – Verdichtung als Herausforderung» im Architekturforum Ostschweiz von Interesse. Der erste Abend bot am Montag vier Referate, die den Fragen nachgingen, wieso Verdichtung nötig ist, was sie im Fall der Schweiz heisst, wo die Probleme bei der Abwicklung von Projekten liegen und welche Potenziale es in der Schweiz für Verdichtungen überhaupt gibt.

Die Ausführungen blieben weit weg von konkreten lokalen Fällen. Was man als interessierter Laie den Fachreferenten angesichts des Zielpublikums – Architekten, Planer und andere Baufachleute – keinesfalls übelnehmen darf. Vom eigenen Stadtplanungsamt hätte man sich aber schon mehr als die gebotenen knochentrockenen Theorien gewünscht.

Sonst wird das Bauland knapp

Beim Laien den stärksten Eindruck hinterlassen hat SIA-Geschäftsführer Hans-Georg Bächtold. Unter dem Titel «Dichte Heimat» begründete er die Notwendigkeit des verdichteten Bauens: Wenn wir weitermachen wie in den letzten fünfzig Jahren, geht der Schweiz in absehbarer Zeit das überbaubare Land aus. Bächtold sprach auch über den Misserfolg, von der allseits anerkannten Theorie in die Praxis zu kommen, verdichtetes Bauen in Kleinstädten und Dörfern sowie bei der Bauwirtschaft durchzusetzen. Ein grosses Hindernis sei das Ideal, dass man nur mit viel Grün und viel Aussicht gut wohnen könne. Die Zahl jener, die die engen, dank anderer Faktoren attraktiven Verhältnisse der Innenstadt bevorzugten, sei insgesamt zu klein.

Zeit und Überzeugungsarbeit

Ein Hindernis für umfassende, attraktive Verdichtungsprojekte sei das Bodenrecht und das hohe Gewicht, das dem Eigentum darin zukomme. Das führe dazu, dass oft nur punktuell verdichtet werde. Weil Einzelprojekte in einer gewachsenen Umgebung vielfach nicht harmonisch wirken könnten, riefen sie Opposition auf den Plan. Um eine Strategie der inneren Verdichtung umsetzen zu können, brauche es daher Zeit und Überzeugungsarbeit. Zudem dürfe man beim Verdichten nicht nur mehr Nutzfläche anstreben, solche Projekte müssten auch auf mehr Lebensqualität abzielen, forderte Bächtold.

Aktuelle Nachrichten