Dämme halten keine 100 Jahre mehr

Die Hochwasserschutzbauten am Rhein haben gehalten. Davon nicht überrascht ist Daniel Dietsche, Leiter des Amtes für Gewässer des Kantons St. Gallen und Schweizer Rheinbauleiter. Trotzdem hält er Sanierungsmassnahmen an den Dämmen für dringend nötig.

Kurt Latzer
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Daniel Dietsche ist überzeugt, dass Hochwasserschutzmassnahmen am Rhein nötig sind. (Bild: Kurt Latzer)

Daniel Dietsche ist überzeugt, dass Hochwasserschutzmassnahmen am Rhein nötig sind. (Bild: Kurt Latzer)

In welche Kategorie fällt das Hochwasser von letzter Woche: in die eines 10-, 50- oder 100-jährigen?

Daniel Dietsche: Die Messstation in Diepoldsau hat einen Abfluss von 2500 Kubikmetern Wasser pro Sekunde registriert. Mit solchen Wassermengen müssen wir etwa alle zehn Jahre rechnen. Für uns Wasserbauer ist so ein Hochwasser nichts Besonderes.

Wann hat letztmals ein Ereignis am Rhein stattgefunden, das den Wasserbau-Fachleuten Sorge bereitet hat?

Dietsche: 1987 war die Situation sehr kritisch. Wären die 300 Kubikmeter Wasser pro Sekunde dazu gekommen, die in den Stauanlagen in den Bergen aufgefangen werden konnten, hätte es zu einem Dammbruch kommen können. Bei St. Margrethen wäre der Damm beinahe kollabiert, in Fussach ist er gebrochen.

Seither hat man einiges in die Sanierung der Hochwasserdämme investiert. Reicht das nicht für ähnliche Ereignisse wie die von 1987 oder gar noch grössere?

Dietsche: Eine Garantie gibt es nicht. Mir ist bei einer Sache nicht ganz wohl: Wir haben 100 bis 150 Jahre alte Dämme und diese nun – übertrieben gesagt – mit der Dachlatte saniert. Irgendwann müssen die Dämme auf Vordermann gebracht werden. Wir hoffen, dass wir die Bauten in den nächsten Jahren markant verstärken können. Die Dämme werden nicht noch einmal 100 Jahre halten.

Die Dämme im Mittelrheintal haben bisher immer gehalten, Schwachstellen sind saniert worden. Hat Kantonsrat Walter Freund recht, wenn er in einem Leserbrief behauptet, die Dämme hätten wieder gehalten, was beweise, dass es das Projekt Rhein-Sicherheit nicht brauche?

Dietsche: Walter Freunds Aussage, die Dämme hätten gehalten und es brauche Rhesi deshalb nicht, ist sehr kühn. Ich bin komplett anderer Meinung. Wir brauchen Rhesi, wie auch immer das Ganze einmal aussehen wird. Wir brauchen den Ausbau auf HQ 300, ein 300-jähriges Ereignis. Nötig ist ein genehmigungsfähiges Projekt, egal ob mit einer, zehn oder keiner Ausweitung des Mittelgerinnes. Ich bin felsenfest davon überzeugt: Die Dämme müssen komplett überholt werden. Und die Aussagen von den Landwirten oder anderen Leuten, dieses Ereignis sei der Beweis dafür, dass alle Schutzbauten am Rhein halten, kann ich nicht teilen. Sie stimmen hinten und vorne nicht. Die echte Belastungsprobe für die Dämme steht uns noch bevor.

Bis zur Bewilligung von Rhesi und zum Baubeginn vergehen vermutlich noch Jahre. Was ist sofort nötig oder möglich, um die Sicherheit am Rhein zu verbessern?

Dietsche: Entlang der Hochwasserdämme haben wir begonnen, Interventionspisten zu bauen, damit für die Rheinunternehmen und die Feuerwehren jeder Meter Damm zugänglich ist. Nur so können wir die Schutzbauten überwachen und gegebenenfalls Massnahmen ergreifen. Als nächstes legen wir die Strecke von oberhalb Oberriet bis zur Illmündung auf, dann vom Fohlenhof bis Oberriet und im Winter allenfalls auf Diepoldsauer Seite vom oberen Rheinspitz her Richtung Rietbrücke.

Was ist mit den Dämmen selbst – wird dort nicht mehr saniert, bis Rhesi dereinst abgesegnet ist?

Dietsche: Wir sanieren laufend. Diesen Winter werden wir die Hochwasserdämme etwa auf der Höhe des Trinkwasser-Pumpwerks in Diepoldsau und in St. Margrethen auf Höhe der Staatsgrenze stärken. Das heisst, die Dämme werden an diesen Stellen deutlich verbreitert.

Das Rheinunternehmen musste kürzlich an den Dämmen Bäume und Sträucher roden, damit sich darin bei Hochwasser kein Treibholz verfängt, und Naturschutzorganisationen wünschen sich zwischen den Hochwasserdämmen Auenwälder. Was sagen Rheinbauleiter zu solchen Wäldchen?

Dietsche: Wenn sich der Bewuchs zu sehr ausbreitet, muss man eingreifen. Für uns hat der Hochwasserschutz klar Vorrang. Den Wasserspiegel im Rhein bei Hochwassern zu senken und die Dämme so zu entlasten kann man nur mit dem Absenken des Rheinvorlandes erreichen.

Ein paar nahe beieinander stehende Bäume reichen heutzutage aus, um als Wald zu gelten. Wird es dadurch schwieriger, Bäume an oder zwischen Hochwasserschutzbauten roden zu dürfen?

Dietsche: In die Verträge für das Projekt Rhesi gehört ganz klar auch ein Pflegekonzept. Es darf nicht sein, dass wir irgendwann für jeden Baum, den wir fällen müssen, eine Rodungsbewilligung einholen müssen.

Sie haben die Interventionspisten entlang des Rheins angesprochen. Wer soll die Dämme auf der gesamten Länge überwachen, wenn diese Pisten fertig sind?

Dietsche: Dies ist ein wichtiger Punkt. Am schlimmsten wäre es, wenn Rhein und Binnenkanal gleichzeitig von einem Hochwasser bedroht würden. Dann nämlich sind die örtlichen Feuerwehren am Binnenkanal und in den Gemeinden gebunden. Aus diesem Grund brauchen wir dringend eine Art Rheinwehr.

Und wo wollen Sie die Leute für eine Rheinwehr rekrutieren?

Dietsche: Ich denke da in erster Linie an den Zivilschutz. Innerhalb dieser Organisation müsste ein Dienst geschaffen und die Leute speziell für die Aufgaben ausgebildet werden.

Angenommen, die Überwachung klappt. Wie schnell kann das Rheinunternehmen auf allfällige Schäden reagieren?

Dietsche: Wir können relativ schnell reagieren. Mit grösseren Bauunternehmen bestehen Verträge. Die verfügen über die nötige Erfahrung und die Maschinen. Auch das Material steht zur Verfügung, so beispielsweise im Steinbruch Büchel in Rüthi.