«Da müssen Sie jetzt durch»

In seinem Buch «I Have A Stream» prangert Berthold Seliger das «Staatsfernsehen» in Deutschland an. Im Palace erklärte der Berliner, warum man ARD und ZDF abschaffen sollte und was die Alternative sein könnte.

Roger Berhalter
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Ist das Service public? Volksmusik-Moderator Stefan Mross in der ARD-Sendung «Immer wieder sonntags». (Bild: pd)

Ist das Service public? Volksmusik-Moderator Stefan Mross in der ARD-Sendung «Immer wieder sonntags». (Bild: pd)

Im Fernsehen läuft nur Schrott, und dennoch schauen alle hin – so kurz und salopp lässt sich die aktuelle Lage am TV-Bildschirm zusammenfassen. Kaum eine Runde unter Freunden, in der nicht über diese oder jene Fernsehsendung gelästert wird. Jeder Schweizer scheint zu wissen, was Service public ist (und vor allem: was nicht), das ist spätestens seit der Abstimmung über das neue Radio- und Fernsehgesetz im vergangenen Juni klar.

Gestanzte Talkshow-Sätze

Auch Berthold Seliger weiss, was Service public nicht ist. Jedenfalls sicher nicht «Immer wieder sonntags», eine Volksmusiksendung der ARD mit dem dauerlächelnden Moderator Stefan Mross. Sicher nicht die Übertragung eines «Traumpiraten»-Konzerts der Schlagersängerin Andrea Berg. Und sicher nicht die gestanzten Talkshow-Sätze eines Markus Lanz.

All dies und mehr präsentiert der Berliner in kurzen Einspielungen am Dienstag in der «Erfreulichen Universität» im Palace. «Da müssen Sie jetzt durch», sagt Seliger und schiesst zwei Stunden lang scharf gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Er zielt auf ARD und ZDF und möchte dieses «gebührenfinanzierte Staatsfernsehen» am liebsten abschaffen. Warum, das begründet er auch in seinem neuen Buch «I Have A Stream». Er schreibt darin zwar von Deutschland, das Schweizer Fernsehen ist aber mitgemeint: «Es gibt grosse Ähnlichkeiten.»

«Verblödungsmaschine»

Seliger geht es nicht um einzelne schlechte Beispiele. Das seichte TV-Programm ist für ihn vielmehr Symptom eines systemischen Problems. Die öffentlich-rechtlichen Sender missachten seiner Meinung nach ihren gesetzlich verankerten Auftrag von Bildung, Kultur und Information, sie orientieren sich zu stark an der Quote, sind von politischen Parteien unterwandert und lassen jegliche Transparenz vermissen. Seliger wählt markige Worte. ARD und ZDF seien eine «öffentlich-rechtliche Verblödungsmaschine», er vergleicht sie mit der Mafia («Es herrscht ein Omertà-haftes Schweigen») und gar mehrfach mit der Situation im Dritten Reich («Schon Goebbels erkannte das Propagandapotenzial eines <Volksfernsehens>»).

Von Platon bis zu Kanye West

Schon vor zwei Jahren war Seliger im Palace zu Gast und blickte mit dem Buch «Das Geschäft mit der Musik» hinter die Kulissen der Musikbranche. Damals sprudelte es aus ihm heraus, und auch diesmal streift er in seinem Vortrag wieder (allzu) vieles. Er rollt die Geschichte des deutschen Fernsehens seit 1935 auf, erklärt anhand eines Videoclips des US-Rappers Kanye West, was in den Nachrichten schiefläuft. Er zieht das Höhlengleichnis von Platon heran, ärgert sich darüber, dass kaum mehr «normale Menschen» am Bildschirm zu sehen seien, kritisiert im Vorbeigehen die Korruption in der Fifa und die «ewiggestrigen Familienmodelle» in den Telenovelas und Heimatfilmen. Ach ja, und um Sportübertragungen, Talkshows und Streamingdienste wie Netflix geht es an diesem Abend auch noch.

20 Jahre Fernsehen pro Jahr

Am besten ist Seliger dann, wenn er die Fakten sprechen lässt. Zum Beispiel die Tatsache, dass ARD und ZDF pro Jahr 20mal mehr Sendeminuten produzieren, als ein Jahr lang ist. Oder das heruntergelesene Programm eines «beispielhaften Tages in der trostlosen ARD-Welt», vom «Morgenmagazin» um 5.30 Uhr über «Sturm der Liebe, Folge 2141» um 15.10 Uhr bis zum Heimatkrimi «Tannöd» in der Wiederholung um 23.40 Uhr.

Seliger wettert aber nicht nur, sondern zeigt auch einen Ausweg aus der TV-Misere auf. Im Palace deutet er seine Lösung nur an: Das «Staatsfernsehen» abschaffen, dafür eine steuerfinanzierte Plattform etablieren, die Angebote wie Nachrichten, Filme und Konzertübertragungen möglich macht – finanziell transparent und politisch unabhängig. Wie aber sähe so ein Fernsehen ohne Schrott aus? Eines, das seinen Bildungsauftrag tatsächlich erfüllt? Ganz ohne Stefan Mross und Markus Lanz? Seliger räumt ein: «Zugegeben, es wäre ein Nischenprogramm.»

Berthold Seliger Konzertveranstalter und Buchautor (Bild: pd)

Berthold Seliger Konzertveranstalter und Buchautor (Bild: pd)

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