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CHOR: Singen im Schiffscontainer

Roman Rutishauser ist derzeit täglich in seinem roten Container auf dem Güterbahnhof-Areal anzutreffen. Er gibt dort Musikunterricht, komponiert und probiert ein neues Chorkonzept aus.
Roger Berhalter
Improvisation an ungewohntem Ort: Roman Rutishauser (am Flügel) probt mit dem Lattich-Chor am Güterbahnhof. (Bild: Benjamin Manser)

Improvisation an ungewohntem Ort: Roman Rutishauser (am Flügel) probt mit dem Lattich-Chor am Güterbahnhof. (Bild: Benjamin Manser)

Roger Berhalter

roger.berhalt

er@tagblatt.ch

Ist er geschlossen, sieht er aus wie ein Schiffscontainer, der sich an Land verirrt hat. Aber er lässt sich öffnen, und hinter zwei metallenen Schiebewänden kommt eine Glasfront zum Vorschein. Im Innern betritt man durch einen roten Samtvorhang die Musik­stube von Roman Rutishauser. Hier steht sein Flügel, hier hängt sein riesiger goldener Gong, und hier probt er jeden Mittwochabend mit dem Lattich-Chor.

Seit April ist Rutishauser fast täglich in seinem Container auf dem Güterbahnhof-Areal anzutreffen. Vorher war er in Herisau tätig, doch mittlerweile hat er sein Musikatelier dort geräumt und den Container in St. Gallen bezogen. «Ich fange hier frisch an», sagt der 57-Jährige. Er nennt seinen neuen Arbeitsort «Con­tainer für Unerhörtes», und er ist gleichzeitig Musikzimmer, Unterrichtsraum sowie Studier- und Komponierstube.

Zwölf Jahre lang war der Container auf hoher See unterwegs. Jetzt steht er am Güterbahnhof, als Teil des Zwischennutzungsprojekts Lattich. Auch die anderen auf der Brache verstreuten Container gehören zum temporären Kreativquartier.

Brombeeren überwuchern das Klavier auf der Wiese

Der Schiffcontainer ist täglich von 9–13 Uhr und von 15–18 Uhr geöffnet. So fix die Öffnungszeiten wirken, so offen hat Rutishauser alles angelegt. Er setzt im Lattich-Quartier kein starres Projekt um. «Ich möchte hier eine Laufkundschaft gewinnen», sagt er und meint das wörtlich, schliesslich steht sein Container direkt am Fuss- und Veloweg, der durch den Güterbahnhof führt. Auf die Wiese hat Rutishauser ein altes Klavier gestellt, das er nun von Rosen und Brombeeren überwuchern lässt.

Seinen Container bezeichnet Rutishauser als «guten Ort, um Klängen nachzuspüren». Ist er dort mit seinem Hund Pablo alleine, komponiert er oder brütet Ideen aus. Sein Hauptziel aber bleibt, mit verschiedenen Angeboten eine Laufkundschaft zu gewinnen. So bietet er einen «musikalischen Workshop für Unmusikalische» an, Coaching-Kurse, Instrumentalunterricht und halbstündige Schnupperlektionen. «Man kann spontan bei mir vorbeischauen.»

Von allen Angeboten findet bis jetzt die Chorprobe am meisten Anklang. Jeden Mittwochabend treffen sich Sängerinnen und Sänger aus St. Gallen und Herisau auf dem Güterbahnhof-Areal zur Probe. Mit dem Lattich-Chor möchte Rutishauser nichts weniger als «ein neues Konzept von Chor ausprobieren». Die alten Konzepte kennt er als Komponist klassischer Chorwerke schliesslich schon.

In der Klassik gehe man von einer vorgegebenen Klangvorstellung und von einer fixen Besetzung aus. Im Lattich-Chor sei das anders: «Das Klangbild richtet sich nach dem, was vorhanden ist», sagt Rutishauser. Er weise niemanden ab: «Wer singen will, darf kommen.»

Ein Klangbild ohne Noten

An diesem Mittwochabend kommen gut ein Dutzend Sängerinnen und Sänger. Sie stellen sich im Container um den Flügel auf und improvisieren mit der Stimme. Aus wenigen Klaviertönen entwickelt sich ein sphärischer, mehrstimmiger Gesang. Rutishauser spielt und singt mit, gibt zwischendurch Anregungen. Er selbst scheint sich am meisten darüber zu freuen, wie sein Chor innert Kürze, ohne Noten und fast ohne Vorgaben zu einem eigenen Klangbild findet.

Ob der Lattich-Chor einmal öffentlich auftritt, lässt Rutishauser bewusst offen. «Man muss hier keine Leistung liefern.» Selbst die Besetzung des Chors sei nicht fix, Interessierte könnten noch immer einsteigen.

Fix ist allerdings das diesjährige Ende der Lattich-Zwischennutzung. Noch bis Ende Oktober darf Rutishausers Schiffcontainer auf dem Güterbahnhof-Areal stehen. Was der Musiker danach macht, weiss er noch nicht. «Ich würde gerne bleiben», sagt er. Sein Container sei schliesslich gegen Kälte isoliert. «Ich bin winterhart.»

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