Chor hat ausgesungen

Nach 164 Jahren löst sich der Männerchor Mörschwil auf. Auch der Versuch, den Verein als Gemischtchor weiterzuführen, scheiterte. Was bleibt, sind langjährige Freundschaften.

Angelina Donati
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Richard Kast, Präsident des Männerchors Mörschwil, zeigt ein Fundstück aus dem Archiv. Damals feierte der Chor das 100jährige Bestehen. (Bild: Urs Bucher)

Richard Kast, Präsident des Männerchors Mörschwil, zeigt ein Fundstück aus dem Archiv. Damals feierte der Chor das 100jährige Bestehen. (Bild: Urs Bucher)

MÖRSCHWIL. Die Stimmung ist zwiespältig. Wehmut kam bei der letzten Probe am Montag aber noch kaum auf. Das wird sich spätestens am Sonntag ändern, ist sich Richard Kast, der Präsident des Männerchors Mörschwil, sicher. Dann nämlich gibt der Verein seinen letzten Auftritt, bevor er sich auflöst. Und mit ihm eine 164jährige Tradition endet. «Was dieser Verlust genau zu bedeuten hat, wird uns wohl erst später bewusst.» So richtig realisieren können es die Mitglieder bislang noch nicht.

An Motivation liegt es nicht

Als Präsident hätte er sich einen schöneren Abschluss gewünscht, sagt Richard Kast. So sehr er aber den Entscheid der Chormitglieder bedauert: Nichts sei unversucht geblieben, den Verein weiterführen zu können. Frischen Wind brachte der Männerchor mit dem Organisieren von Genussabenden ein, mit dem Singen für Bewohner im Altersheim und seinem Unterhaltungsabend als Gemischtchor vor knapp einem Jahr.

Welchen Weg der Chor aber auch beschritt, neue Mitglieder liessen sich keine finden. «Auch Aufrufe im Gemeindeblatt haben kein Echo ausgelöst», sagt Kast, der Technische Hauswart der Gemeinde. Aktuell gehören dem Chor 19 Sänger an. An den Probeabenden, die jeden Montag stattfanden, schrumpfte die Zahl oft auf zehn. «Das sind einfach zu wenige», sagt der Präsident. Auch die Arbeit des Dirigenten hat sich dadurch mühevoll gestaltet. Beschwert habe sich dieser allerdings nie. Kast betont, dass das Fernbleiben der Mitglieder keinesfalls mit geringer Motivation zu tun habe, sondern mit Ferienabwesenheiten und gesundheitlich bedingten Ausfällen. «Wir sind eben nicht mehr die Jüngsten», sagt Kast und schmunzelt. Mit 52 Jahren sei er der zweitjüngste. Der älteste ist der 88jährige Hans Löpfe. Seit 70 Jahren ist er Mitglied des Männerchors und wurde ausserdem zum Ehrenpräsidenten ernannt.

Grosse Unterstützung

Bereits vor 20 Jahren stand der Verein vor ungewisser Zukunft, erinnert sich Kast, der mit einem Unterbruch insgesamt elf Jahre das Präsidentenamt innehatte. Heute würden sich die Jungen nicht mehr für das Vereinsleben gewinnen lassen. Die Verbindlichkeit habe nicht mehr dieselbe Bedeutung. Hinzu komme, dass man heutzutage gleich mehreren Hobbies nachgehe. Dennoch geniesst der Chor im Dorf ein grosses Ansehen. «Die Gemeinde hat uns immer unterstützt. Und auch die Zahl der Gönner ist beeindruckend.» Jährlich gaben über 400 Passivmitglieder dem Verein einen grosszügigen Zustupf.

Freundschaften pflegen

«In den Anfängen des Männerchors Mörschwil haben sich die Mitglieder untereinander gesiezt», sagt Kast, «selbst als sie nach der Probe in der Beiz zusammensassen.» Auch Titel und Berufsbezeichnungen waren wichtig. «Sogar beim Bild, das zum 100jährigen Bestehen gemacht wurde, sind diese aufgeführt», sagt er und zeigt auf das Fundstück, das im Gemeindearchiv aufbewahrt wird.

Ging es beim Männerchor in früheren Jahren mehr um Anerkennung und den musikalischen Aspekt, haben die Mitglieder zuletzt die Freundschaft gross geschrieben. Und diese gilt es aufrechtzuerhalten. Neu wollen sich die Mitglieder jeden ersten Montag im Monat treffen: nicht aber zum gemeinsamen Singen, sondern zum Schwatz.

Letzter Auftritt: Sonntag, 10.30 Uhr, Gottesdienst, Pfarrkirche Mörschwil