Chef mit Luftibus-Gedanken

Gestern abend wurde Marcel Rotach zum neuen Präsidenten des Stadtparlaments gewählt. Er zitierte Hans-Rudolf Merz, seine Vorgängerin – und sprach über Lebensmittelfarbe im Trinkwasser.

Malolo Kessler
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Der neue höchste St. Galler: Marcel Rotach (links) mit Fabian Koch, der im Jahr 2011 Parlamentspräsident war. Koch übernahm die Amtsübergabe, weil Franziska Wenk, letztjährige Präsidentin, nicht mehr im Parlament sitzt. (Bild: Ralph Ribi)

Der neue höchste St. Galler: Marcel Rotach (links) mit Fabian Koch, der im Jahr 2011 Parlamentspräsident war. Koch übernahm die Amtsübergabe, weil Franziska Wenk, letztjährige Präsidentin, nicht mehr im Parlament sitzt. (Bild: Ralph Ribi)

Zuerst entschuldigte er sich. Und das gleich zweimal. Zum einen sei ein Teil seiner Rede ein bisschen verstaubt, sagte Marcel Rotach (FDP), der gestern abend einstimmig zum neuen Präsidenten des Stadtparlaments gewählt wurde. Die ersten Worte seiner Rede habe er nämlich bereits vor einem Jahr – als er Vizepräsident wurde – geschrieben. Zum anderen bat er zu entschuldigen, dass seine Rede nicht «gendergerecht» sei: Überall die weibliche und männliche Form eines Wortes zu verwenden, dauere schlicht zu lange.

Da und dort machte er in Sachen Gender-Gerechtigkeit dann doch eine Ausnahme. So bedankte er sich zuerst bei den «Parlamentarierinnen und Parlamentariern» für die Wahl. Er wolle das Parlament «gut und fair» leiten. Dieses startete mit der gestrigen Sitzung in eine neue Legislatur, die bis 2016 dauert und beschäftigte sich vorwiegend mit Wahlen (Kasten links). Neben Rotach auf dem Vizepräsidenten-Stuhl durfte Marie-Theres Thomann (SP) Platz nehmen. Sie wurde ebenfalls einstimmig gewählt, genauso die Stimmenzähler.

Sich nicht so ernst nehmen

Er sei «hocherfreut und überglücklich» über die Wahl, sagte Rotach weiter. Und stimmte seiner Vorgängerin Franziska Wenk zu, die in ihrer Antrittsrede gesagt hatte, Politik mache glücklich. Der FDPler, Kriminalbeamter von Beruf, plädierte sodann für mehr Humor in der Politik. Und dafür, sich selbst als Politiker nicht immer so ernst zu nehmen. Es müsse ja nicht gleich immer so lustig sein wie bei der «Bü . . . Bü . . . Bündnerfleisch»-Einlage von alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz. «Auch der kleine Humor tut es schon.»

Und so teilte er dem Parlament – und der Zuschauertribüne, die bis auf den letzten Platz besetzt war – denn auch ein paar «nicht immer ganz ernst gemeinte Luftibus-Gedanken» mit. Gedanken darüber, was er als höchster St. Galler seinen Mitbürgern Gutes tun könnte, hätte er dann «die nötigen Befugnisse und Mittel». Beispielsweise in der ganzen Stadt gratis Olma-Bratwürste verteilen. Oder zwei Sonntage im Jahr für autofrei erklären. Allen Frauen einen «Wohlfühl-Massage-Gutschein» und Kosmetika überreichen, allen Männern einen Diamant-Bohrhammer und Survival-Messer. «Oder ich könnte jedem St. Galler persönlich die Hand schütteln und ihm dafür danken, dass er hier wohnt und zum Steuersubstrat beiträgt.» Wie lange das dauern würde, hat der 45-Jährige gar ausgerechnet: Bei 73 500 Einwohnern und einer durchschnittlichen Handschüttel-Zeit von 15 Sekunden etwa 38 Arbeitstage. Schliesslich habe er noch die Idee gehabt, während seines Amtsjahrs das städtische Trinkwasser mit Lebensmittelfarbe einzufärben – blau natürlich, in Anlehnung an die Farbe seiner Partei.

Das «Wir» finden

Nach seinen Luftibus-Gedanken wurde er schliesslich wieder ernsthaft. Rotach wünschte sich vom Parlament, dass dieses «gemeinsam zum Wir» findet. Und schloss mit einem fast schon pastoral anmutenden Satz. «Möge Gott – oder die universelle Liebe, wie es einige nennen – stets seine schützende Hand über dem Parlament halten. Und es weise entscheiden lassen.» Das «Amen», das vielleicht dem einen oder anderen über die Lippen kam, ging im Applaus unter.

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