Chaotenhaufen mit Ausdauer

Das Cabaret Sälewie beschliesst das Jahr seines 50-Jahr-Jubiläums am Silvesterabend mit der Premiere seines neuen Programms «Reset». Natürlich dort, wo vor fünfzig Jahren alles begonnen hatte: In der Kellerbühne.

Beda Hanimann
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Intensive Tage vor der Premiere: Die Sälewie-Crew mit Wiedenkeller, Frischknecht, Schweizer, Schmid, Krejci und Schatz (von links). (Bilder: Hanspeter Schiess)

Intensive Tage vor der Premiere: Die Sälewie-Crew mit Wiedenkeller, Frischknecht, Schweizer, Schmid, Krejci und Schatz (von links). (Bilder: Hanspeter Schiess)

Die Kellerbühne ist in diesen Tagen eine Quarantänestation. «Vom Stephanstag bis Silvester leben wir in der Kellerbühne, da sehen wir wenig Tageslicht. Das ist schräg, aber wir geniessen es», sagt Katrin Schatz. Wir, das ist das Cabaret Sälewie, zu dem neben ihr Rosanna Schmid, Thomas Frischknecht, Reto Wiedenkeller und der Pianist Fredy Schweizer gehören, mit von der Partie ist als Co-Regisseur Lukas Krejci.

Die Truppe steht in den Endproben des Programms «Reset», das als Finale des «Sälewie»-Jubiläumsjahres am Silvesterabend Premiere haben wird. «Jetzt nimmt das Programm die gültige Form an», sagt Katrin Schatz – und gesteht, sie habe jedes Mal Panik, dass es nicht lustig werde. «Wenn man selber mittendrin steckt, kann man das kaum noch einschätzen», sagt sie. Bis jetzt waren die Bedenken stets vergebens. Seit fünfzig Jahren bereichert das Cabaret Sälewie die St. Galler Kulturszene, Katrin Schatz ist als Dienstälteste seit 1983 dabei.

Absage an Arosa

Dass die Kabaretttruppe die Quarantäne in der Kellerbühne so genussvoll erlebt, hat mit dem Reiz des Kellertheaters zu tun – und mit der Geschichte. Denn die Truppe und die Bühne, das sind Zwillinge mit Jahrgang 1965, und ihre Lebenswege blieben ein halbes Jahrhundert lang eng verschlungen. So sehr, dass das Cabaret Sälewie 1997 gar eine Einladung ans Humorfestival Arosa ablehnte mit der Begründung: Wir sind St. Galler, wir spielen nirgendwo sonst als in St. Gallen und in der Kellerbühne. Zwei Ausnahmen bestätigen die Regel, zweimal gab es Auftritte an den Oltner Kabarett-Tagen.

Per Inserat in den Mostkeller

Man kann die Verbundenheit noch anders ausleuchten: Ohne das Cabaret Sälewie beziehungsweise dessen Vorgängertruppe Schnodergoofe gäbe es die Kellerbühne nicht. Nach ihrem Début suchten die «Schnodergoofe» 1964 per Zeitungsinserat «einen alten, trockenen, geräumigen Keller, aus dem wir ein kleines Theäterchen basteln könnten». So kam man mit dem theateraffinen Albert Johann Sprattler in Kontakt, der in seiner Liegenschaft an der St. Georgen-Strasse 3 einen Kostümverleih betrieb. Die Sache nahm bald Fahrt auf, in Fronarbeit wurde der ehemalige Mostkeller hergerichtet. Im Februar 1965 war Eröffnung mit dem Programm «Abseits vom Zebra» der «Schnodergoofe», die sich nun Cabaret Sälewie nannten. 25 Programme gingen seither über die Bühne, mit dem 26. steigt das «Sälewie» ins zweite halbe Jahrhundert.

Stetig erneuert

In den fünfzig Jahren des Bestehens gab es, logischerweise, personelle Wechsel. Von den Urgesteinen wie Renward Wyss, Peter Kaeser, Armin Hofstetter, Hansjakob Gabathuler, Heinz Müller oder Fred Kurer ist niemand mehr dabei. «Die Truppe hat sich stetig erneuert», sagt Katrin Schatz, die das Cabaret Sälewie als 14-Jährige erstmals gesehen und sich gedacht hatte: «Einmal im Leben will ich auch so etwas machen.» 1983, als sie die Sache längst wieder vergessen hatte, stiess sie tatsächlich dazu. Das Cabaret Sälewie war nie ein Verein, sondern «ein Chaotenhaufen», wie Katrin Schatz sagt. Trotzdem sei der Weiterbestand ihres Wissens nie in Frage gestanden. Für sie selber sei es die grösste Konstante im Leben. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass das einmal aufhört.»

Jeder bringt seine Weltsicht mit

Nachdem in den Anfängen auch mit externen Textern gearbeitet wurde, ist man allmählich dazu übergegangen, selber zu texten und zu komponieren. Jeweils im März vor der Premiere eines neuen Programms – seit 1992 ist der Silvesterabend der gesetzte Premierentermin – setze man sich zu einem «Brainstorming im erweiterten Sinn» zusammen, wie Katrin Schatz ausführt. Lange bleibe das jeweils unkonkret, man schreibe auf, was einen umtreibe.

Irgendwann setzt sich jeder hin und schreibt Nummern. «Jeder bringt seine Weltsicht und seine Art der Umsetzung ein», sagt Katrin Schatz. Meist habe man dann einen Überhang an Liedern und Nummern. In der Quarantänewoche entscheidet sich dann endgültig, wie das Programm aussehen wird. Diese Vorgehensweise bringt das Quintett manchmal an den Anschlag. Etwa wenn im September Details für das Jahresprogramm der Kellerbühne formuliert werden sollen – wo man noch nicht einmal einen Titel hat. Und wo doch bis kurz vor der Premiere immer wieder neue Ideen auftauchen.

Keine Witze auf Kosten anderer

Auch in «Reset» karikiert das Cabaret Sälewie das politische und gesellschaftliche Leben. «Aber wir wollen nicht verletzen und Witze auf Kosten anderer machen», sagt Katrin Schatz. «Wir begegnen der Skurrilität des Lebens mit liebevollem Humor.» Wahnsinnig lustig aber müsse das nicht immer partout sein. Kabarett sei Auseinandersetzung mit der Welt, und das sei nicht immer lustig, sagt Katrin Schatz. «Es soll keine Abrechnung sein. Dafür haben wir die Welt und die Menschen mit ihren Macken zu gern.» Der Name ist also bis heute Programm. Sälewie heisst nichts anderes als «C'est la vie».

Premiere (ausverkauft): 31.12.2015. Vorstellungen: 2. bis 30.1.2016. Reservationen: 058 568 44 49 oder www.kellerbuehne.ch

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