Bundesstil statt Bundesrat

Für einen Sitz im Bundesrat hat es der Ostschweiz diesmal nicht gereicht. Präsent ist sie wenigstens architektonisch. Die Bundesbauten sind von St. Gallern geprägt, vor allem das Parlamentsgebäude und das Bundeshaus Ost.

Josef Osterwalder
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Parlamentsgebäude (im Bild der Treppenaufgang Ost) und das Bundeshaus Ost sind st. gallisch geprägt. (Bild: Aus: Das Bundeshaus in Bern)

Parlamentsgebäude (im Bild der Treppenaufgang Ost) und das Bundeshaus Ost sind st. gallisch geprägt. (Bild: Aus: Das Bundeshaus in Bern)

ST. GALLEN. Was wäre ein Bundesrat ohne repräsentative Bauten? Und eine Bundesratswahl ohne die majestätische Kulisse des Bundeshauses? Wie dankbar muss das Fernsehteam sein, wenn es während einer sechsstündigen Wahlsendung immer wieder über die architektonischen Finessen des Baus streifen kann, über Treppen, Kuppeln, Gänge und Figuren. Dieses ganze stilvolle Ambiente verdankt Bundesbern einem St. Galler, dem Architekten Hans Wilhelm Auer (1847 bis 1906).

Da mögen die Parlamentarier bei der Vergabe der Bundesratssessel die Ostschweiz noch so schneiden, stilistisch sind sie in jeder Sitzung mit dem östlichen Landesteil konfrontiert.

Kantonsschule als Vorbild

Ausdrücklich betrifft dies das Parlamentsgebäude und das Bundeshaus Ost. Doch schon das erste Gebäude des helvetischen Ensembles, das heutige Bundeshaus West, verrät deutliche Einflüsse aus St. Gallen. Für dieses war 1850, kurz nach der Gründung des Bundesstaates, ein Wettbewerb ausgeschrieben worden.

Gewonnen hatte ihn Ferdinand Stadler (1813 bis 1870) aus Zürich, den zweiten Preis erhielt der St. Galler Felix Wilhelm Kubly (1802 bis 1872). Schliesslich wurde keines der beiden Projekte ausgeführt, sondern der Auftrag dem Berner Architekten Jakob Friedrich Studer (1817 bis 1879) anvertraut.

Kubly hat aber doch nicht vergebens gearbeitet. Er änderte seinen Entwurf leicht ab und gewann mit ihm den Wettbewerb für die Kantonsschule St. Gallen. Studer selber hat sich recht ungeniert bei Kublys Entwurf bedient.

Einzelne Partien im Innern des Bundeshauses West erinnern darum stark an die Kantonsschule St. Gallen.

Erfolgreich im Wettbewerb

In diesem Schulhaus drückte dann auch Hans Wilhelm Auer die Schulbank. Ob er etwas von der im Gebäude steckenden Bundeshausatmosphäre gespürt hat? Jedenfalls gehörte er zu den erfolgreichen Teilnehmern beim Wettbewerb von 1885 für das Bundeshaus Ost und das Parlamentsgebäude. Den ersten Preis musste er allerdings mit Alfred Friedrich Bluntschli (1842 bis 1930) teilen.

Zur Ausführung aber gelangte Auers Entwurf.

Zuerst konnte er das Bundeshaus Ost erstellen, auch dieses mit Anlehnungen an die Kantonsschule St. Gallen. Für das Parlamentsgebäude wurde zwischen Auer und Bluntschli nochmals eine Ausmarchung angesetzt. Und wiederum erhielt Auer den Zuschlag.

Ihm wurde zwar vorgeworfen, die Kuppel funktional nicht richtig einzusetzen. Unter dieser müsste sich doch der wichtigste Raum, der Nationalratssaal befinden.

Auer konterte staatspolitisch: Gerade dies dürfe nicht der Fall sein; denn beide Kammern seien gleichberechtigt.

Beim Nationalratssaal mit dem weiten Oberlicht bediente sich Auer eines Entwurfs des Architekten Gottfried Semper (1803 bis 1879) für das Richard-Wagner-Theater in München. Semper schuf diesen Entwurf just zu der Zeit, da Auer bei ihm an der ETH studiert hatte.

August Böschs Figurenkunst

Noch ein Ostschweizer ist im Nationalratssaal präsent: Der Toggenburger Bildhauer August Bösch (1857 bis 1911) schuf die Säulenfiguren, die die Diplomatentribüne garnieren. Die dortigen Atlanten und Karyatiden sind also mit den Nymphen auf dem St. Galler Broderbrunnen blutsverwandt.

Auer gehört zu den Architekten, die den «Bundesstil» geprägt haben, eine architektonische Richtung, die im 20. Jahrhundert zunächst belächelt, heute aber wieder bewundert wird.

Monika Bilfinger: «Das Bundeshaus in Bern», Kunstführer GSK, Bern 2009