Bürohaus statt Villa Wiesental

Der Generalunternehmer HRS hat den Auftrag erhalten, auf dem Grundstück der Villa Wiesental ein Projekt zu entwickeln. Die HRS zielt auf einen Neubau und will die Villa abreissen. Dagegen wehrt sich die kantonale Denkmalpflege.

Urs-Peter Zwingli
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Düstere Aussichten für die Villa Wiesental: Die HRS will sie abbrechen und durch einen Neubau ersetzen. (Bild: Urs Jaudas)

Düstere Aussichten für die Villa Wiesental: Die HRS will sie abbrechen und durch einen Neubau ersetzen. (Bild: Urs Jaudas)

Für Paul Somm von der HRS-Geschäftsleitung ist klar: Die Villa Wiesental an der Rosenbergstrasse 95 muss einem Neubau weichen. «Am liebsten würde ich das schöne Gebäude verpflanzen. Aber wir müssen wirtschaftlich denken», sagt Somm. Die über 130jährige Villa zu erhalten oder in ein Neubauprojekt einzubinden, sei keine Option. Dafür sei das Grundstück, das am Autobahnzubringer Kreuzbleiche liegt, schlicht zu klein.

«St. Leopard» als Beispiel

Somm spricht aus, was die Anlagestiftung Swisscanto, die die Villa 2006 gekauft hatte, am Mittwoch in einer Medienmitteilung andeutete. Die Kantonalbanken-Tochter Swisscanto schrieb, dass in St. Gallen der «Bedarf nach attraktiven Büroräumlichkeiten in Bahnhofsnähe hoch, das Angebot jedoch beschränkt ist». Dass ein Abriss des Gebäudes vorgesehen ist, stand in der Mitteilung nicht. Nur, dass der Thurgauer Totalunternehmer HRS Real Estate AG den Auftrag erhalte, ein «attraktives Projekt zu entwickeln». Ein Beispiel dafür findet man in unmittelbarer Nähe der Villa: Das Geschäftshaus St. Leonhard – wegen seiner auffälligen Fassade als «St. Leopard» bekannt – wurde von der HRS erstellt. Dort hat der Generalunternehmer auch seinen St. Galler Sitz.

In den nächsten Monaten wird HRS einen öffentlichen Projektwettbewerb ausschreiben. Bis Ende 2012 soll eine Jury entscheiden, welches Projekt umgesetzt wird. Die Ausführung des Wettbewerbs wird einem externen Büro übertragen. «Bei komplexen Projekten im innerstädtischen Raum, wo verschiedene Interessen bestehen, ist das so üblich», sagt Somm. Auch in der Jury sollen nebst Vertretern der Stadt und der HRS externe Fachleute sitzen.

Als Swisscanto und die HRS vergangene Woche die Verträge unterzeichneten, kam wieder Bewegung in den Fall der Villa Wiesental: Seit 2003 steht das Gebäude leer. Dieser Zustand weckte Kritik – und Kreativität: Diesen September forderten Kunstschaffende, die Villa für Ateliers freizugeben, Swisscanto lehnte ab mit Verweis auf die Sicherheit, die nicht gewährleistet sei. Tatsächlich ist die Villa in einem baufälligen Zustand, da die Besitzer seit Jahren nichts investiert haben. Kritiker warfen Swisscanto vor, sie lasse das Gebäude absichtlich zerfallen, bis es nur noch abgebrochen werden könne.

Denkmalpflege macht Druck

Solche Vorwürfe hat auch die kantonale Denkmalpflege geäussert. «Wir werden uns für den Erhalt der architektonisch einmaligen Villa Wiesental einsetzen», sagt Oliver Tschirky, juristischer Mitarbeiter. Am 6. Dezember wird die Denkmalpflege die Villa gemeinsam mit der Stadt und Swisscanto besichtigen. «Stellen wir dabei fest, dass die Bausubstanz gefährdet ist, werden wir verlangen, das Gebäude entsprechend zu sichern», sagt Tschirky. Die Denkmalpflege könne das gestützt auf Artikel 101 des Baugesetzes verlangen. Und selbst wenn Swisscanto dagegen Einspruch erhebt, könnten laut Tschirky dringendere Massnahmen durchgesetzt werden.

Laut einem Urteil des Verwaltungsgerichts darf Swisscanto die Villa nur abreissen, wenn ein Neubauprojekt vorliegt, das städtebaulich und architektonisch höher zu gewichten ist als der Schutz des Hauses. «Das öffentliche Interesse an der Erhaltung der Stadtgeschichte ist höher zu gewichten als private Interessen – wie etwa der Bau eines renditeorientierten Bürogebäudes», ist Tschirky überzeugt.