«Brucht's nöd» – warum?

Die Frage, weshalb die längeren Ladenöffnungszeiten eine derartige Schlappe erlitten haben, beschäftigt die Befürworter – während sich die Gegner freuen.

Regula Weik
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Nach dem Volksnein ist keine Änderung der Öffnungszeiten nötig. (Bild: Hanspeter Schiess)

Nach dem Volksnein ist keine Änderung der Öffnungszeiten nötig. (Bild: Hanspeter Schiess)

St. Gallen. Jörg Caluori, Geschäftsführer Rösslitor Bücher St. Gallen, ist enttäuscht: «Nun bleiben wir leider weiterhin eingeschränkt in unserem Bemühen, noch flexibler auf die Wünsche der Kundinnen und Kunden einzugehen.» Am Wochenende hat das St. Galler Stimmvolk längere Ladenöffnungszeiten bachab geschickt – mit 63,5% Nein-Stimmen (Ausgabe vom 27. September).

Caluori verhehlt nicht, dass längere Öffnungszeiten eine Anlaufzeit gebraucht hätten – so sei es auch in Zürich gewesen, als der Ladenschluss von 19 auf 20 Uhr ausgeweitet wurde. Doch inzwischen laufe das Geschäft dort gut, es sei gar mehr Personal angestellt worden.

Zu wenig mobilisiert?

Wie Caluori hatte sich auch Rosmarie Rüegg, Präsidentin des Konsumentenforums Ostschweiz, für die Vorlage stark gemacht.

Wie erklärt sie sich die Niederlage? «Wir haben es nicht genügend geschafft, jene Konsumentinnen und Konsumenten an die Urne zu bringen, die sich in den Umfragen immer wieder für eine moderate Flexibilisierung ausgesprochen hatten.»

Das Pro-Komitee war breit abgestützt; der Interessengemeinschaft «1 Stunde mehr» gehörten CVP, FDP, SVP, Grünliberale, BDP, Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell, Kantonaler Gewerbeverband, Konsumentenforum Ostschweiz und Wirtschaft Region St.

Gallen an.

«Verlängerte Einkaufsmöglichkeiten entsprechen einem zeitgemässen Kundenbedürfnis», halten die Freisinnigen mit Blick auf die anderen Kantone fest. Sie werde «aus Respekt vor dem Volkswillen» erneute Liberalisierungsbegehren nicht unterstützen, stellt dagegen die CVP klar. Sie wertet das Nein auch «als Votum gegen den zunehmenden Druck im Erwerbsleben, eine Tendenz, die nicht nur im Detailhandel, sondern in allen Branchen zu beobachten ist».

«Auf Kosten des Personals»

Zu den Gewinnern gehört neben den Gewerkschaften auch die SP. Für Kantonsrätin Barbara Gysi ist klar: «Die bürgerliche Salamitaktik ist gescheitert.» Das Volk habe «zu schrankenlosem Einkaufen auf Kosten der Arbeitnehmenden» Nein gesagt. Die Politikerin ist überzeugt, längere Ladenöffnungszeiten hätten sich «gravierend» auf das soziale Leben der Arbeitnehmenden ausgewirkt.

Und: Die «unsinnige» Erweiterung der Ladenöffnungszeiten entspreche keinem Bedürfnis der Konsumentinnen und Konsumenten.

Auch die EVP freut sich über das Resultat: «Das Volk liess sich nicht für dumm verkaufen. Es erkannte, dass die Vorlage gewerbefeindlich war und die Angestellten um den Rest ihres Feierabends gebracht worden wären.»