Botschafterin der Bücherstadt

Bücher waren nicht nur ihr Leben. Sie haben ihr auch die Augen geöffnet für soziale Probleme. Entsprechend hat sie sich engagiert. Am 8. August ist Sabine Schreiber, Leiterin des St. Galler Zentrums für das Buch, gestorben.

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Sabine Schreiber (8. Mai 1962 – 8. August 2012) in den Bergen, in denen sie so gerne unterwegs war. (Bild: Urs Arnold)

Sabine Schreiber (8. Mai 1962 – 8. August 2012) in den Bergen, in denen sie so gerne unterwegs war. (Bild: Urs Arnold)

Sabine Schreiber hatte eine besondere Beziehung zu den Büchern – als ausgebildete Bibliothekarin, als Historikerin, Bibliotheksgründerin und seit fünf Jahren auch als Leiterin des St. Galler Zentrums für das Buch. Buchwissen war bei ihr kein Papierwissen. Bücher sind ein Kursbuch zu den sozialen Problemen und ungelösten Widersprüchen der Gesellschaft. Sie haben Sabine Schreiber in ihrem sozialen Engagement bestärkt. Sie war Mitglied bei der Politischen Frauengruppe, setzte sich ein für ein Jugendzentrum, den Frauenpavillon, den Antirassismustreff Cabi, die Grabenhalle. Bei der Hecht-Besetzung von Weihnachten 1988 versuchte sie, Verständnis zu wecken für die Anliegen der Besetzerinnen und Besetzer.

Institutionen mitgegründet

Manches Projekt nahm sie mit Gleichgesinnten selber an die Hand, namentlich die Gründung selbstverwalteter Genossenschaftsbetriebe, wie den Bündnerhof (Vorgänger des heutigen Schwarzen Engel) und die Buchhandlung Comedia. Besonders wichtig war ihr die Gründung der Frauenbibliothek Wiborada und des Archivs für Frauen und Geschlechtergeschichte.

Der Bibliotheksname knüpfte bei jener Seherin an, die im Jahr 926 den Anstoss gegeben haben soll, die Stiftsbibliothek vor den plündernden Ungarn in Sicherheit zu bringen. Doch auch solche Bezüge vermochten bürgerliche Politiker vor 25 Jahren nicht von der Notwendigkeit eines Zentrums für Frauengeschichte zu überzeugen. Es brauchte Zähigkeit, um die Frauenbibliothek ins Leben zu rufen.

Dabei war die Bibliothek keineswegs ideologisch ausgerichtet. Gerade Bücher und Dokumente lehrten Sabine Schreiber, Verhältnisse differenziert anzuschauen. Dies galt sowohl für ihren politischen wie auch den wissenschaftlichen Weg. Allein schon ihr heiterer Humor bewahrte sie davor, sich ideologisch einzuigeln.

Auf jüdischen Spuren

Durch ihr Geschichtsstudium wurde Sabine Schreiber auf die jüdische Gemeinde in St. Gallen aufmerksam. Zunächst durch eine Seminararbeit über die Semiotik der jüdischen Friedhöfe in der Stadt, später durch ihre Dissertation, die unter dem Titel «Hirschfeld, Strauss, Malinsky – Jüdisches Leben in St. Gallen 1803 bis 1933» als Buch erschienen ist. Die beiden jüdischen Gemeinden, die «neu zugezogene» ostjüdische und die «etablierte, alt eingesessene» westjüdische, wurden von ihr minuziös beschrieben; zwei Minderheiten, die ihrerseits in einer spannungsvollen Beziehung lebten. Zur Bedeutung ihres Buches schreibt der Basler Historiker Jacques Picard: «Es ist das Verdienst von Sabine Schreiber, zu einer neuen Perspektive auf die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz sowie zur menschlichen Landschaft der Ostschweiz beigetragen zu haben.»

Erlebte Natur

Genaues Beobachten und weiter Blick, beides ist Sabine Schreiber auch mit ihrem Mann, Urs Arnold, zum Erlebnis geworden. Beide liebten es, durch Berglandschaften zu streifen und die Einbettung des Menschen in die Natur zu erfahren. Solches Wissen half ihr wohl auch, mit der Tumor-Diagnose umzugehen, die vor dreieinhalb Jahren in ihr Leben einbrach. Bis wenige Monate vor ihrem Tod ging sie ihrer Arbeit nach, lauschte weiter auf die Botschaft der Bücher. Dies hat sie zur Botschafterin der Buchstadt gemacht. Nicht laut, sondern leise und überzeugend. (J. O.)

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