Boris Tschirky hat die besten Voraussetzungen

Leitartikel zur Ersatzwahl in den St. Galler Stadtrat vom 24. September

Daniel Wirth
Drucken
Teilen

Die CVP will ihren einzigen Sitz im fünfköpfigen St. Galler Stadtrat verteidigen. Ihr Anspruch ist unbestritten. Dies, obschon die einst stärkste politische Kraft der Kantonshauptstadt schwierige Zeiten hinter sich hat. 2016 bei den Wahlen ins Stadtparlament verlor die CVP drei Sitze. Stadträtin Patrizia Adam wurde abgewählt. Mit einer Schuldenbremse-Initiative wollte die CVP im Wahlkampf auf sich aufmerksam machen. Und wie ihr das gelang! Nur: Der Schuss ging nach hinten los; die CVP schaffte es nicht einmal, die fürs Volksbegehren nötigen Unterschriften zu sammeln.

Mit Nino Cozzio tritt nun auch noch ein CVP-Stadtrat zurück, der Ansehen geniesst. Der 59-jährige Sozial- und Sicherheitsdirektor holte bei den Wahlen 2016 ex aequo mit Stadtpräsident Thomas Scheitlin am meisten Stimmen. Kaum hatte der CVP-Sympathieträger seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen bekanntgegeben, begann das Karussell um seine Nachfolge zu drehen.

Boris Tschirky wurde umgehend als möglicher Nachfolger Nino Cozzios genannt. Er ist in der Stadt St. Gallen bekannt. Er gehörte vier Jahre lang dem Stadtparlament an. Der 52 Jahre alte Rheintaler arbeitete nach dem Studium vier Jahre lang als Journalist. Danach war er in der Regional- und Standortförderung tätig. Von 2008 bis 2012 war er Direktor von St. Gallen-Bodensee-Touris­mus; er führte dort rund 30 Mit­arbeiterinnen und Mitarbeiter. Der CVP-Mann ist Präsident der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten (VGSP). Seit dem vergangenen Jahr ist Boris Tschirky auch Mitglied des St. Galler Kantonsrates.

Tschirky hat das Rüstzeug, das ein guter Stadtrat braucht. Er hat die besseren Qualitäten als die vier anderen Kandidatinnen und Kandidaten. Boris Tschirky hat die grösste politische Erfahrung; er hat als einziger Erfahrung in einer Exekutivbehörde; er ist aufgrund seiner beruflichen Laufbahn weitaus am besten vernetzt. Zusammengefasst: Boris Tschirky hat aus dem breiten Kandidatenfeld am ehesten das Format, die Lücke zu schliessen, die Nino Cozzio hinterlassen wird. Boris Tschirky hat Profil. Ihm wird zugehört. Der CVP-Politiker steht mit beiden Füssen auf dem Boden. Der Rheintaler ist geerdet. Wer am 24. September Boris Tschirky in den Stadtrat wählt, wird keine Überraschung erleben.

Dem aktuellen Stadtrat wird vorgehalten, er sei zu brav, ja bieder, verwalte statt gestalte. Auch Boris Tschirky ist kein Paradiesvogel oder Visionär. Gleichwohl täte Tschirky der Stadtregierung gut, denn er hat Kanten, und er würde die Stadt gut verkaufen – so wie er sich im Wahlkampf gut verkauft hat. Auf den Podien stach der CVP-Mann aus dem Kandidatenfeld heraus mit politischem Wissen, mit Aussagen, die alle verstanden, aber auch mit Witz und Schalk. Von den anderen Kandidatinnen und Kandidaten konnte und kann Boris Tschirky niemand das Wasser reichen. Der Anspruch auf einen Sitz im Stadtrat hätte der zuletzt arg gebeutelten CVP abgesprochen werden können, wenn sie mit einem schwachen Kandidaten oder einer schwachen Kandidatin angetreten wäre. Doch Boris Tschirky ist das Gegenteil: ein valabler, ja ein starker Kandidat.

Von ihrem Wähleranteil her darf auch die SVP einen Sitz in der Exekutive reklamieren. Sie ist mit dem 57-jährigen Unternehmer Jürg Brunner ins Rennen gestiegen. Er ist kein SVP-Hardliner; er politisiert im Parlament dezidiert gewerbe- und industriefreundlich. Was ihm abgeht im Vergleich zu Tschirky, ist die Exekutiverfahrung und magistrales Auftreten. Brunner ist ein anerkannter Stadtparlamentarier, für die Regierung ist er weniger geeignet als Tschirky. Brunner konnte im Wahlkampf nicht aufzeigen, warum er die bürgerliche Alternative zu Tschirky im Stadtrat wäre. Jürg Brunner blieb vage.

Die GLP ist mit dem besten Pferd im Stall ins Rennen gestiegen: mit Sonja Lüthi. Die 36-jährige ausgewiesene Energie- und Umweltfachfrau hat als ehemalige Stadtparlamentarierin und aktuelle Kantonsrätin politische Erfahrung. Sonja Lüthi ist eine gescheite Politikerin, eine aus der Mitte, wie die Grünliberale selber sagt. Im Wahlkampf konnte Sonja Lüthi nicht brillieren – und nicht unter Beweis stellen, dass sie das gleiche oder gar bessere Rüstzeug mitbringt als Tschirky. Ihre Aussagen auf den Wahlpodien waren zwar ausnahmslos gut überlegt und präzise formuliert – allerdings auch knochentrocken, technokratisch. Sonja Lüthi liess bis jetzt Leidenschaft und Charisma vermissen. Ihr Argument, es brauche im Minimum zwei Frauen in der Stadtregierung, ist kein unerhebliches; bei der aktuellen Ausgangslage verfängt es indessen nicht, weil Lüthi nicht die gleich guten Voraussetzungen mitbringt wie Boris Tschirky. Exekutiverfahrung fehlt der Grünliberalen. Und was ihr im Wahlkampf bislang auch fehlt: zündende Ideen, mit denen man auf sich aufmerksam machen kann.

Keine politische Erfahrung hat die Grüne Ingrid Jacober. Die 48-jährige Sozialarbeiterin, die bei der Stadt arbeitet, ist, wie Sonja Lüthi, überzeugt: Es braucht mehr Frauen im St. Galler Stadtrat. Dieser setzt sich heute aus vier Männern und einer Frau zusammen (2 SP, 1 FDP, 1 CVP, 1 parteilos). Ingrid Jacober hat recht: Eine zweite Frau täte der Stadtregierung gut. Bei der Ersatzwahl am 24. September allein deswegen Ingrid Jacober Boris Tschirky vorzuziehen wäre falsch. Denn im Vergleich mit dem CVP-Mann hat es im Rucksack von Ingrid Jacober zu wenig, das sie für ein Amt als Stadträtin befähigte. Auch Ingrid Jacober präsentierte im Wahlkampf kein eigentliches politisches Programm; es mangelt ihr an Ideen.

Bleibt Andri Bösch. Er ist 20 und der Shootingstar der Juso. Der Zweitwegmaturand und Parteisekretär der SP mischte den Wahlkampf auf. Schlagfertig wehrte er sich auf den Wahlpodien. Frech, aber nicht flegelhaft waren seine Auftritte. Er ist ein animal politique – eines mit Zukunft. Denn Andri Bösch kann argumentieren, trotz seiner Jugendlichkeit strahlt er politische Erfahrung aus, die er freilich nicht besitzt. Bei aller Wertschätzung: Für ein Amt als Stadtrat fehlen dem aufstrebenden Jungsozialisten die politische Erfahrung und auch ein paar Jahre Lebenserfahrung.

Kritiker, die Tschirky nicht gut gesinnt sind, sagen, der CVP-Politiker sei sprunghaft. Und sie sagen, er verreise justament, wenn es irgendwo Probleme gebe. Das tun sie aber nur hinter vorgehaltener Hand. Wer seinen Lebenslauf genau anschaut, erkennt rasch: Boris Tschirky ist nicht sprunghaft; alle seine Jobs bekleidete er jeweils mehrere Jahre lang. Kritiker sagen, Tschirky sei laut. Da haben sie recht. Aber ein Stadtrat will und muss Gehör finden – auf dem politischen Parkett und in der Verwaltung. Und dann sind noch die, die behaupten, Tschirky wolle später einmal Stadtpräsident oder Regierungsrat werden. Das ist gut möglich. Und legitim.

Aktuelle Nachrichten