«Bologna als Chance»

Der neue Rektor Thomas Bieger zur künftigen Entwicklung der HSG und die eigene Lehrtätigkeit.

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Thomas Bieger, künftiger HSG-Rektor. (Bild: Regina Kühne)

Thomas Bieger, künftiger HSG-Rektor. (Bild: Regina Kühne)

Herr Bieger, es hat schon angenehmere Zeiten für einen Rektor gegeben als das, was Sie jetzt erwartet – Stichwort ist etwa der Unmut über die Bologna-Reform.

Thomas Bieger: Alle Zeiten haben ihre Herausforderungen, aber auch ihre Chancen. Die Universität St. Gallen ist in einer sehr guten Verfassung. Sie ist als eine der führenden Wirtschaftsuniversitäten Europas anerkannt.

Die Bologna-Reform wurde mit grossem Erfolg als «first mover» in der Schweiz umgesetzt – ein Erfolg, der nicht zuletzt auch in die grossen Studierendenzahlen mündete. Zudem hat sie mit dem Kanton einen verlässlichen Eigentümer. In den letzten Jahren ist viel erreicht worden.

Ist damit alles paletti?

Bieger: Die Universitätslandschaft ist in einer fortlaufenden Transformationsphase.

Wie in der Wirtschaft gilt es, auf eher regionale oder nationale Bedürfnisse zugeschnittene Strukturen einer internationalen Ausrichtung zuzuführen. Aus der Sicht eines Studierenden heisst das: Er wählt aus einem internationalen Angebot seinen Studienort dort, wo er die beste Ausbildung bekommt, die er in einer zunehmend internationalisierten Wirtschaft als unabdingbares Rüstzeug benötigt.

Das bieten wir ihm an der HSG in den Fachgebieten Wirtschaftswissenschaften, Recht und International Affairs an.

Es gibt namhafte Bildungswissenschafter, welche die Bologna-Reform nicht als der Weisheit letzten Schluss sehen.

Bieger: Die Bologna-Reform hat wie jede Strukturveränderung Vor- und Nachteile, die sich je nach Fachgebiet unterschiedlich auswirken.

Nach meiner Beobachtung haben vor allem die Universitäten und Studiengebiete Mühe mit Bologna, die diese Reform quasi als Pflichtübung auf eine reine Strukturreform beschränkt haben. Die Universität St. Gallen hat jedoch die Chance genutzt und eine inhaltliche und didaktische Studienreform damit verbunden.

Sie werden einer Universität vorstehen, die bereits ein anerkannt hohes Ranking hat. Werden Sie neue Visionen aufzeigen?

Bieger: Der nationale und internationale Wettbewerb erfordert auch im Universitätsbereich eine laufende Weiterentwicklung und immer wieder Innovationen. Natürlich habe ich Visionen. Das Leitbild für die Universität St. Gallen wird im neuen Rektoratsteam zuhanden der Universitätsgremien entworfen. Zu diesem Team gehören die neuen Prorektoren Ulrike Landfester, Vito Roberto und Torsten Tomczak zusammen mit dem Verwaltungsdirektor Markus Brönnimann.

Zum ersten Mal gehört damit eine Frau dem Rektoratsteam an.

Bieger: Generell nimmt die Zahl der Frauen in Führungspositionen an der HSG im akademischen und administrativen Bereich erfreulich zu. Die Zahl der Professorinnen ist so gross wie noch nie. Und von vier Abteilungsvorständen sind drei Frauen Auch der Anteil an weiblichen Studierenden nimmt ständig zu.

Sie haben immer wieder betont, wie wichtig Ihnen die Lehrtätigkeit ist. Sie werden zurückstecken müssen.

Bieger: Die Verpflichtungen eines Rektors erlauben es nicht, dass er gleichzeitig auch noch in der Lehre und Forschung präsent ist. Meine Agenda wird stark fremdbestimmt sein. Ich habe mir auch vorgenommen, so gut es geht, in Kontakt mit den Studierenden zu sein.

Laut einer Studie haben es Rektoren eher schwer, mit Auslaufen des Mandats wieder in den normalen Rhythmus zurückzufinden…

Bieger: Jeder Uni-Rektor weiss, dass er diese Funktion nur eine begrenzte Zeit ausübt. Ein wichtiges Thema wird in nächster Zeit die Qualität in Lehre und Forschung sein – dies auf dem Hintergrund der Entwicklung der Studierendenzahlen.

Im Zuge der Internationalisierung des Universitätsbereiches mit einem intensiveren Wettbewerb geht es darum, die regionale Verankerung zu stärken, gleichzeitig aber die internationale Positionierung auszubauen. Interview:

Mélanie Knüsel-Rietmann