Bohren ohne Haftpflicht

ST. GALLEN. Ausländische Zahnärzte können 90 Tage pro Jahr selbständig in der Schweiz arbeiten. Das ist für die Patienten oft günstig, aber nicht immer gut. Die Klagen bei der Patientenorganisation häufen sich – auch aus der Ostschweiz.

Regula Weik
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Zahnarzt an der Arbeit. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Zahnarzt an der Arbeit. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Die Meldepflicht für ausländische Zahnärzte sei «ungenügend», kritisiert Margrit Kessler. Sie könnten heute 90 Tage in der Schweiz arbeiten – ohne eine Haftpflichtversicherung vorweisen zu müssen. Das lade ausländische Zahnärzte geradezu ein, während ihres Aufenthalts möglichst viele Behandlungen durchzuführen – «und möglichst schnell grosses Geld zu machen; danach verschwinden sie wieder in der Anonymität des Auslands, und die Patientinnen und Patienten bleiben auf ihrem Schaden sitzen».

Immer öfter gingen wegen Behandlungsfehlern Klagen beim SPO-Patientenschutz ein; Margrit Kessler ist Präsidentin der Patientenorganisation. Wenn heute etwas schieflaufe, müssten sich Patientinnen und Patienten ihre Ansprüche «in kostspieligen Prozessen» erstreiten. In einer Motion fordert die Rheintaler Nationalrätin der Grünliberalen deshalb, künftig müsse für alle universitären Medizinalberufe eine obligatorische Haftpflichtversicherung gefordert und diese auch offengelegt werden.

«Schnäppchen-Preise»

Meistens folgten Patientinnen und Patienten einem Inserat, das günstige Zahnbehandlungen verspreche – viermal günstiger als bei einem hiesigen Zahnarzt sei keine Ausnahme, sagt Margrit Kessler. Sie spricht denn auch von «Schnäppchen-Preisen». Die Patienten liessen sich so oft ohne Wissen durch einen «90-Tage-Zahnarzt» behandeln.

«Die Überraschung ist dann gross, wenn sich die Behandlung als misslungen herausstellt und die Nachbehandlung das Dreifache kostet.» Oder wenn der Patient erfährt, dass eine unnötige Behandlung durchgeführt wurde. So habe sich beim SPO-Patientenschutz ein Mann gemeldet, dem «sämtliche Zähne ohne jegliche Indikation abgeschliffen worden waren», erzählt Margrit Kessler.

Keine Bewilligung nötig

Deutschland und immer öfter auch Ostblock-Staaten bezeichnet Margrit Kessler als Herkunftsländer der ausländischen «90-Tage-Zahnärzte». Sie könnten in der Schweiz drei Monate ohne Arbeitsbewilligung tätig sein; sie müssten sich lediglich beim Kanton melden. «Da sie keine Haftpflichtversicherung vorlegen müssen, haben sie oft auch keine», so die Patientenschützerin.

Wer stellt ihnen in den drei Monaten die Praxis-Infrastruktur zur Verfügung? Meistens seien es Gemeinschaftspraxen oder Zahnkliniken, die mit ausländischen Zahnärzten zusammenarbeiteten, sagt Margrit Kessler. Auch in der Ostschweiz? Sie will keine Praxen oder Kliniken nennen. Nur so viel: «Es sind auch Klagen aus der Ostschweiz eingegangen, relativ viele aus dem Kanton St. Gallen.»

Kein Regress auf Vermieter

Allfällige «Sünder» sind schwierig auszumachen. Die «90-Tage-Zahnärzte» arbeiten und rechnen selbständig ab; damit sind sie für ihre Arbeit selber verantwortlich. Der Vermieter des Behandlungsstuhls kann sich so, wenn ein Behandlungsfehler passiert, der Verantwortung entziehen. Betroffene Patientinnen und Patienten können auf ihn – auch wenn er selber Zahnarzt ist – keinen Regress nehmen.

Schlechter ausgebildet?

Margrit Kessler ärgert sich noch über einen weiteren «Missstand»: Ausländische Zahnärzten seien durch die bilateralen Verträge Schweizer Zahnärzten gleichgestellt – «obwohl sie schlechter ausgebildet sind». Hiesige Zahnärzte drückten fast doppelt so lange die Schulbank – nämlich 9000 Stunden. Ausländische Zahnärzte absolvieren laut Margrit Kessler 5000 Stunden Ausbildung – «gleich viele wie in der Schweiz eine Dentalhygienikerin».

Die Antwort des Bundesrates auf den Vorstoss der Rheintalerin steht noch aus.

Margrit Kessler St. Galler Nationalrätin, Präsidentin SPO-Patientenschutz (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Margrit Kessler St. Galler Nationalrätin, Präsidentin SPO-Patientenschutz (Bild: ky/Gaëtan Bally)

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