BODENKNAPPHEIT: Noch nicht ganz dicht

Langsam gilt es ernst mit der inneren Verdichtung. Soll sie auch auf dem Land gelingen, müssen Grundeigentümer Freiheiten abgeben. Und Kommunalpolitiker müssen sich als schlaue Strippenzieher erweisen.

Sebastian Schneider
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Die grünen Flächen werden Muolen erhalten bleiben; in den Bauzonen stehen aber Veränderungen an. (Bild: Ralph Ribi)

Die grünen Flächen werden Muolen erhalten bleiben; in den Bauzonen stehen aber Veränderungen an. (Bild: Ralph Ribi)

Sebastian Schneider

sebastian.schneider

@tagblatt.ch

Jetzt geht es ans Eingemachte: Die Gemeinden in der Region müssen, wie auch alle anderen in der Schweiz, die letzten Bauland-Reserven anzapfen. Dies bedeutet, dass aus den noch bestehenden Flächen so viel Wohn- oder Gewerberaum wie möglich herausgeholt werden soll. Denn neue Einzonungen gibt es nur noch in Ausnahmefällen. Den Stopp der Zersiedelung hat eine deutliche Mehrheit der Schweizer Stimmbevölkerung (62,9 Prozent) im März 2013 mit der Annahme des neuen Raumplanungsgesetzes beschlossen. Den Kantonen wurden fünf Jahre Zeit gewährt, ihre Richtpläne auf der Grundlage des neuen Gesetzes anzupassen. Da der Kanton St. Gallen seine Hausaufgabe erledigt hat, sind nun die Kommunen an der Reihe. Besonders für ländliche Gemeinden bedeutet die neue Situation: zuerst reden, dann planen. Denn ohne Grundeigentümer im Boot wäre ein angepasster Zonenplan etwa gleich viel wert wie ein Bauplan ohne Bauherr.

Einer, der sich den Verhandlungen mit bis zu zwei Dutzend Beteiligten gerne stellt, ist Bernhard Keller, Gemeindepräsident von Muolen. «Ortsplanung ist unglaublich spannend», sagt er. Seit über einem halben Jahr hat er mit fast 20 Grundeigentümern gesprochen. Stets mit dem Ziel im Hinterkopf: Das ländliche Muolen muss dichter werden. Die bestehenden Bauzonen bergen ein Potenzial für bis zu 300 neue Bewohner.

Gewogenheit im Parzellen-Poker

Zusammen mit dem Bauverwalter, mit Mitgliedern des Gemeinderats und mit einem Raumplaner führte Keller «spannende» Gespräche mit Grundeigentümern. Die Zusammenkünfte mit teils ganzen Erbgemeinschaften und das Eruieren, ob ähnliche Absichten vorhanden sind, ist Teil der «Ortsplanung 2.0», wie Keller sie nennt. Offenbar funktioniert dieser Parzellen-Poker in Muolen nicht schlecht. «Wir haben viele gute Signale erhalten.» Die erste Serie von Gesprächen habe ihm gezeigt, dass der Gemeinderat auf dem richtigen Dampfer sei, sagt Keller im Gespräch mit dem «Tagblatt».

Ein Zwischenergebnis, ein räumliches Grobkonzept, können die Muoler seit Ende Juni online oder im Gemeindehaus studieren. Bislang seien nur Rückfragen eingegangen; Skepsis, Widerstand oder Argwohn seien nicht zu spüren. Grundeigentümer und die Stimmbevölkerung von Muolen scheinen sich der inneren Verdichtung also nicht in den Weg zu stellen. «Bei uns haben dem Raumplanungsgesetz auch über 70 Prozent zugestimmt», sagt Keller. Gleichwohl sei erstaunlich, dass die Ortsplanung bislang so gut voranschreite. Denn Grundeigentümer müssen sich unter Umständen einschränken, Boden lasse sich auch nicht mehr so gut horten wie früher, sagt Keller.

Ziel einer geordneten Entwicklung

Doch warum überhaupt müssen sich die Behörden in die Belange der Grundeigentümer einmischen? «Die Politik ist verantwortlich für die Entwicklung des Dorfes», entgegnet Bernhard Keller. Wenn auf den noch freien Flächen unkoordiniert gebaut würde, könnte das zu einem Chaos führen. «Vielleicht müssten wir ein neues Schulhaus bauen, das wir aber nur für ein paar Jahre brauchen», sagt Keller. Es könne aber auch sein, dass die Grundeigentümer sich untereinander nicht abstimmten und Wohnungen für die gleiche Klientel bauten und ein Überangebot produzieren würden. Gerade in einem kleinen Dorf mit 1200 Einwohnern hätten grössere Bauvorhaben einen erheblichen Einfluss auf den Bevölkerungsmix. Darum sieht sich Keller in der Verantwortung, der Strippenzieher der Ortsplanung 2.0 zu sein. Nächsten Sommer will er den angepassten kommunalen Richtplan sowie das angepasste Baugesetz auflegen. Sind Gesetz und Plan im Trockenen, steht den Beteiligten nicht mehr viel im Wege für die Planung neuer Überbauungen in bestehender Bauzone. Die Reserven werden laut Bernhard Keller für die nächsten 15 Jahre reichen. Also bis zum Zeitpunkt, wenn die Ortsplanung 3.0 beginnt.