Bobfahrer Doblers Blitzfahrt nach Bern

RAPPERSWIL-JONA. Der wiedergewonnene zweite St.Galler FDP-Sitz gehört dem Joner IT-Unternehmer und Spitzensportler Marcel Dobler. Im halben Kanton reibt man sich die Augen: Wer ist dieser 35jährige Newcomer, der erst vor drei Jahren in die Politik einstieg?

Marcel Elsener
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Im Bobdress: Marcel Dobler. (Bild: Südostschweiz)

Im Bobdress: Marcel Dobler. (Bild: Südostschweiz)

Es war schon ein wenig geflunkert, als Marcel Dobler im St.Galler Pfalzkeller den wartenden Gratulanten erzählte, er sei selber völlig überrascht von seiner Wahl. Eigentlich habe er 2016 bei den Kantonsratswahlen antreten wollen, scherzte Dobler etwa zum SVP-Vertreter Markus Straub, der ihn als Kantonsratspräsident zum Sitz in Bern beglückwünschte.

Doch wer mit solch grosser Kelle anrichtet, den Support von FDP-Spitzenleuten wie Filippo Leutenegger oder Andrea Caroni geniesst und sich von PR-Promi Klaus J. Stöhlker beraten lässt, wird mit mehr rechnen als mit einem guten Platz. 200 000 Franken habe sich der IT-Millionär seinen Wahlkampf kosten lassen, schätzen Beobachter.

Das Büro Stöhlker verschickte noch vor dem Wahlwochenende die Einladung zu einem Auftritt mit – ein weiterer Förderer – Ruedi Noser: Der Zürcher Ständeratskandidat und der St.Galler Politneuling berichten am 26. Oktober in Jona über ihren Wahlkampf. Der PR-Satz «Dobler ist ein erfolgreicher Jungpolitiker, der einen Blitzstart hingelegt hat» ist dabei zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden.

Mini-Zuckerberg und Bobfahrer

Klar, der Informatiker und Digitec- und Galaxus-Mitgründer, der seine Start-up-Firmen für viel Geld 2013 an die Migros verkaufte, hat in Wirtschaftskreisen längst einen Namen. Die «Handelszeitung» listet ihn unter den «wichtigsten digitalen Köpfen der Schweiz» auf und nennt ihn «Mini-Zuckerberg», der «ausgesorgt haben könnte». Dazu kommen die Erfolge im Spitzensport: 2009 Landesmeister im Zehnkampf, zielt Dobler alias «Face» 2016 mit seinem A-Team im 4er-Bob auf die Weltspitze – die Inszenierung im Stil der gleichnamigen US-Action-TV-Serie gilt der «Mission World Cup»: Nach den Qualifikationsrennen – November bis Januar – will die «Spezialeinheit» in St. Moritz ihr Weltcup-Début geben und dann «zum Finalschlag in Igels an der WM ausholen». Wenn der Thurgauer Stadler-Rail-Inhaber und langjährige SVP-Nationalrat Peter Spuhler den FDP-Jungspund «als einen meiner Favoriten» bezeichnet, tut er dies nicht nur als Unternehmer und rechtsbürgerlicher Politiker, sondern gewiss auch als Eishockeyaner. Und da ist da noch Doblers, wie gesagt, teurer, aber auch unermüdlich engagierter Wahlkampf auf der Strasse und im Internet, sekundiert von seiner Plattform Preisbringer.ch für faire Importpreise. Die Kampagne, unter anderem mit eigenen Jasskarten und Werbeversand, sei «zu 95 Prozent selbstfinanziert», wie er betonte.

«Ein neuer Typus»

Der Wahlerfolg kommt also nicht aus dem Nichts. Und trotzdem reibt man sich im nördlichen Kantonsteil die Augen. Selbst gut informierte FDP-Leute wie Kantonalparteipräsident Marc Mächler geben zu, nie mit der Wahl des Joners gerechnet zu haben. Unvorstellbar nach dem Triumph, dass der Gewerbeverband Dobler seinen Support versagte – angeblich wegen seiner fehlenden Wahlchancen. Am Tag danach hat FDP-Wahlkampfchef Sven Bradke Erklärungen für die «kleine Sensation» parat: Dobler sei als «junger, motivierter, fokussierter Mensch mit Unternehmerblut» angekommen, der «sich hohe Ziele setzt und diese erreichen will». «Sonnenklar» erscheine der Mann mit Jahrgang 1980 als «neuer Typus» eines «in der digitalen Welt gross gewordenen» Freisinnigen; in der Ostschweiz gebe es nebst Caroni keinen vergleichbaren.

Nicht auf FDP-Kurs ist der Linthgebietler bei der Masseneinwanderungs-Initiative, die er befürwortete. Bradke gibt zu bedenken, dass der Politneuling zu jenen gehört, die «nichtsahnend ein Zeichen setzen wollten» und sich heute anders verhalten würden. «Ich bin überzeugt, dass Dobler den Fraktionskurs stützen und für die Wirtschaft sein Bestes geben wird.» Als Quereinsteiger sei der 35-Jährige «politisch unerfahren» und müsse «Lehrgeld zahlen». Umso wichtiger sei es, ihm im Bundeshaus einen Götti an die Seite zu stellen. Mit anderen Worten: Dobler benötigt einen Piloten für seinen rasend erfolgreichen Polit-Bob.