Blumen als Quelle der Inspiration

«Zwischen Inspiration und Obsession» lautete der Titel des jüngsten Museumsgesprächs im Textilmuseum. Hans Schreiber, Creative Director der Forster Rohner AG, veranschaulichte die Bedeutung der Blume im Textildesign.

Ruth Frischknecht
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Am Anfang war die Collage: Bevor der Stoff kreiert wird, sammelt Hans Schreiber Fotos und Malereien, die ihn zur neuen Kollektion inspirieren. (Bild: Michel Canonica)

Am Anfang war die Collage: Bevor der Stoff kreiert wird, sammelt Hans Schreiber Fotos und Malereien, die ihn zur neuen Kollektion inspirieren. (Bild: Michel Canonica)

Rund die Hälfte der von der Forster Rohner AG kreierten Stoffe sind von Blumen inspiriert. Das sagte Hans Schreiber, Creative Director beim St. Galler Textilunternehmen, als er am vergangenen Donnerstag mit Kuratorin Annina Weber durch die Ausstellung «Furor Floralis» im Textilmuseum führte. «Die Blume ist eine wichtige Inspirationsquelle für die Textildesigner.» Er schilderte seine Sicht aufs florale Textildesign im Wandel der Zeit. Dazu brachte er Stoffe von Forster Rohner mit, die es auf die grossen Laufstege der Modewelt geschafft haben und in ihrer Gestaltung an Stilepochen wie Barock oder Romantik erinnern.

Die Tulpe als Ausgangspunkt

Pro Saison stellt das Unternehmen vier Kollektionen her: eine Glamouröse, eine Romantische, eine Moderne und eine Klassische. Für eine im kommenden Winter erscheinende Linie lieferte die Tulpe Inspiration. «Eine wichtige Blume des Barocks», wie Annina Weber anfügt. In dieser Epoche wurden hauptsächlich Blütenköpfe abgebildet. Blumen genossen einen besonderen Status. Manche von ihnen seien so wertvoll gewesen, dass man sie mit Fleisch gedüngt habe. Diese Wichtigkeit widerspiegle sich im Textildesign, sagte die Kuratorin.

Schreiber präsentierte Collagen aus Fotos und Malereien sowie Farbskalen und zeigte, wie er sich ausgehend von der Tulpe zur Stoffkollektion «Silkroad» inspirieren liess. «Ich arbeite assoziativ und versuche, ein Spektrum an Ideen zu kreieren. Das heisst auch, dass ich mich nicht auf ein einzelnes Detail beziehungsweise auf eine einzelne Blume festlege.» Der Gesamteindruck sei wichtiger als die Einzelheiten. Von aktuellen Modetrends könne er sich bei seiner Arbeit kaum leiten lassen, dafür sei sein Blick zu weit in die Zukunft gerichtet. «Im Moment entwerfen wir Stoffe für den Winter 2018.»

Die Tradition erweitern

Ob er fertige Kleider im Kopf habe, wenn er eine neue Stoffkollektion präsentiere, fragt eine Zuhörerin. «Ich sehe, was daraus werden könnte, wie der Stoff am schönsten fällt oder mit welchen anderen Farben oder Materialien er kombiniert werden könnte.» Auch das Archiv von Forster Rohner, in dem mehr als 400 000 Stoffmuster aufbewahrt werden, stellt eine Inspirationsquelle für den Creative Director dar. «Mich inspirieren die textile Tradition und die Frage, wie man sie erweitern kann.»

Auch Modedesigner kämen, um im Archiv zu recherchieren. Falls ein Detail des Stoffes nicht ihren Wünschen entspricht, werden Änderungen vorgenommen. «Für eine Kollektion von Christian Dior haben wir beispielsweise Stoffe aus unserem Archiv farblich angepasst.» Einordnen würde Schreiber jenen Stoff in die Romantik, eine Zeit, in der florale Muster auf Textilien zurückhaltend eingesetzt wurden.

Arbeiten auf Auftrag

Stoffe von Forster Rohner schaffen es auch auf dem umgekehrten Weg auf die internationalen Laufstege. Modedesigner wenden sich mit einem klaren Auftrag an das St. Galler Unternehmen. Der britische Modeschöpfer Christopher Kane bestellte Stoffblumen, die aussehen, als kämen sie aus einem botanischen Lehrbuch. Ihre einzelnen Bestandteile sind mit den lateinischen Fachbegriffen versehen. Wenn er diese Darstellungsform einer Epoche zuordnen müsste, würde er sich für das Mittelalter entscheiden. Einer der Gestaltungsgrundsätze sei die Abbildung der gesamten Pflanze gewesen. «Damals war das Ziel, die Pflanze biologisch richtig abzubilden. Dasselbe verfolgt Christopher Kane.»

Gucci habe für die nächste Sommerkollektion die Blätter eines Gummibaums in Seidenorganza bestellt. Schreiber ordnete diese Idee der Moderne zu, weil in diese Epoche häufiger Gräser und Blätter als Blumen für Stoffe verwendet wurden. Pflanzen in der Moderne werden skizzenhaft dargestellt und erinnern an Gräser.