Blindes Vertrauen

Er sieht wenig, sie nichts, und doch nehmen sie alles wahr. Der sehbehinderte Fredy Nüesch und die blinde Betreuerin Domenica Griesser arbeiten im Bruggwaldpark. Aus dem Alltag zweier Menschen, die ihre Lebensfreude nie verloren haben.

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«Im gleichen Boot»: Domenica Griesser und Fredy Nüesch im Gemeinschaftsraum des Blindenheim-Provisoriums. (Bild: Michel Canonica)

«Im gleichen Boot»: Domenica Griesser und Fredy Nüesch im Gemeinschaftsraum des Blindenheim-Provisoriums. (Bild: Michel Canonica)

Wittenbach. Domenica Griesser weiss nicht, welche Farbe die Blumen auf ihrem Schreibtisch haben, weiss nicht, wie sie andere Leute anschauen, wenn sie vorbeilaufen. Aber sie fühlt es, hört es. Domenica Griesser kommt gesund zur Welt. Mit drei Jahren nimmt ihr Sehvermögen ab, wird zunehmend schlechter. Warum, weiss niemand. «Jeden Abend vor dem Schlafengehen schaute ich mir mein Zimmer an. Jedes Detail. Denn ich wusste nie, wann es das letzte Mal sein wird», sagt die heute 50-Jährige. Mit 14 werden ihre schlimmsten Befürchtungen wahr; sie erblindet.

Für Domenica Griesser bricht eine Welt zusammen.

Fredy Nüesch wird mit einer starken Sehbehinderung geboren. Nur durch dicke Brillengläser kann er erkennen, wie die Menschen um ihn herum aussehen. Alles, was weiter entfernt ist, sieht er nur verschwommen. Schlimm ist das für den 48-Jährigen nicht. Er kennt nichts anderes.

«Wir sitzen im gleichen Boot»

Zwei Menschen, zwei Schicksale, ein Ziel: das Gefühl haben, gebraucht zu werden. Nachdem Fredy Nüesch seinen Job bei einer Churer Firma verloren hat, findet er 1991 beim Ostschweizerischen Blindenfürsorgeverein OBV im Bruggwaldpark einen neuen Wohn- und Arbeitsort (siehe Kasten). Auch Domenica Griesser findet 2009 als Sozialarbeiterin beim OBV eine Stelle. So lernt sie Fredy Nüesch kennen.

Nein, Freunde seien sie nicht, hätten aber ein freundschaftliches Verhältnis, sagt sie: «Die Bewohner akzeptieren mich als Fachfrau.» Oft würden sie ihr mehr vertrauen als sehenden Betreuern. «Die Tatsache, im gleichen Boot zu sitzen, verbindet.»

Domenica Griesser sitzt da und erzählt. Offen und selbstbewusst. Den Blick fest auf ihr Gegenüber gerichtet. «Ich bin eine Kämpferin. Wenn ich nicht gekämpft hätte, wäre ich untergegangen.

» Das tragbare Telefon vor ihr auf dem Tisch klingelt. Mit einem Griff hat sie es in der Hand. «Ich bin noch in einer Sitzung, dann komme ich zu Dir.» Wie kann eine Blinde andere Blinde und Sehbehinderte betreuen? «Ich spreche mit den Bewohnern, berate sie in Lebensfragen. Da spielt es keine Rolle, ob ich blind bin oder nicht.» Dass sie blind ist, sieht man ihr nur an den Augen an. Domenica Griesser geht besser als manch Sehender. Sicher, selbstbewusst, zielgerichtet. Ihre Schritte zählt sie nicht, genauso wenig tastet sie sich an den Wänden entlang.

Wie also findet sie sich zurecht? «Ein guter Orientierungssinn und eine innere Körperwahrnehmung sind das A und O. Wenn ich beispielsweise aus dem Büro gehe, weiss ich, dass ich einen 90-Grad-Winkel machen muss, um zum Gemeinschaftsraum zu gelangen.» Sie müsse den Weg zwei-, dreimal ablaufen, dann habe sie die Distanz im Gefühl.

Traumberuf: Reiseleiter

Auf dem Weg zum Büro kommt Domenica Griesser am Zimmer von Fredy Nüesch vorbei. Die Tür ist angelehnt. Rechts neben dem Bett steht ein grosser Fernseher. «Schweiz aktuell» und die «Tagesschau», mehr schaut er nicht. «Ich kann nicht», sagt er, «sonst vernachlässige ich das Sudoku.» Jeden Abend vor dem Essen füllt er zwei davon aus. Zahlen faszinieren ihn. Und Länder. Auf dem Nachttisch steht ein Globus. «Island würde mich interessieren und die Insel Java», sagt Fredy Nüesch.

Bisher sei er nie weiter als Österreich, Deutschland und Italien gekommen. Sein Traumberuf wäre Reiseleiter. Oder Kondukteur.

Während Fredy Nüesch sein Zimmer präsentiert, nestelt er am Kragen seines schwarz-weiss gestreiften Hemdes. Er erzählt, zurückhaltend. Sein Blick ist fragend: Was möchte diese Frau von mir? Auch beim Umzug im Januar vom Blindenheim ins einige Meter entfernte Provisorium plagte ihn die Ungewissheit: «Ich wusste nicht, was mich erwartet, wer im Zimmer neben mir wohnt.

» Die Angst war unbegründet. Ihm gefällt es im Provisorium: «Wir haben mehr Privatsphäre als im Blindenheim, denn das war alt und ringhörig.»

Strukturierter Tagesablauf

Sein Alltag ist immer der gleiche: 6.40 Uhr aufstehen, frühstücken, Zähne putzen. Um 8 Uhr ist Arbeitsbeginn in der Werkstatt, wo Fredy Nüesch Montage-Sets für Kühlschränke abpackt. Zwischen 11.45 und 13 Uhr gibt es Mittagessen, um 17 Uhr ist Feierabend. Oft dreht der 48-Jährige noch eine Runde ums Areal.

Danach geht er in sein Zimmer, duscht und löst Sudokus. Um 18 Uhr gibt es Abendessen, anschliessend schaut er seine Fernsehsendungen, plaudert mit Bewohnern, hört Pop- oder Rockmusik und geht dann ins Bett. Abwechslungsreicher sieht der Alltag von Domenica Griesser aus. Sie wohnt in einer kleinen Wohnung in der Stadt, steht wahlweise um 8 Uhr auf, geht mit ihrem Blindenhund Lance spazieren und meditiert regelmässig.

Dann fährt sie mit dem Bus in den Bruggwaldpark oder nach Gossau, wo sie einen Tag in der Woche in einem Gesundheitshaus arbeitet.

Die Behinderung ist für den einen normal, für die andere zur Normalität geworden. Obwohl Domenica Griesser weiss, wie Farben aussehen und wie schön ein Sonnenuntergang anzusehen ist, wäre es für sie «ein Schock», wieder sehen zu können: «Ich habe mein Leben an meine Behinderung angepasst. Nach 36 Jahren Blindheit würde ich mich heute nicht mehr zurechtfinden.»

Martina Kaiser