BLICKFANG: Weltgeschichte als Kunst

Auf Schloss Wartegg läuft eine Retrospektive von Regula Baudenbacher. Unter dem Motto «Was bleibt, ist die Essenz» sind über 100 Kunstobjekte ausgestellt.

Theodor Looser
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Aus dem hundert Quadratmeter grossen Zeitungsteppich wurde ein Würfel der Weltgeschichte. (Bild: Theodor Looser)

Aus dem hundert Quadratmeter grossen Zeitungsteppich wurde ein Würfel der Weltgeschichte. (Bild: Theodor Looser)

Theodor Looser

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Die seit 1985 in Heiden wohnhafte Künstlerin ist im September 2017 verstorben. Ihr Sohn Felix Baudenbacher, ebenfalls ein renommierter Künstler, führte die bereits von seiner Mutter konzipierte Ausstellung durch und hielt bei der Vernissage am Sonntag, dem Geburtstag der Künstlerin, eine Gedenkrede über ihre Persönlichkeit und ihr Werk.

Regula Baudenbacher, 1942 im Thurgau geboren, besuchte zunächst das Lehrerseminar in Kreuzlingen und lernte den Medizinstudenten Rudolf Baudenbacher kennen. Nach ihrer Heirat bekam sie vier Kinder. Sie hatte später ein Schlüsselerlebnis, durch das sie zur Künstlerin wurde. Als ihr auf einer Reise in Afrika der Fotoapparat gestohlen wurde, fing sie an, ihre Eindrücke auf dem Skizzenblock festzu­halten.

Etwas Grundhandwerk zum Malen hatte sie schon im Seminar erhalten, für den Rest ihres Lebens lernte sie autodidaktisch, besuchte aber auch einige Sommerakademien von Schweizer Künstlern, entdeckte dort die Ölmalerei und das Aquarellieren. Schon früher war sie eine Macherin gewesen, interessiert, neugierig auf alles. Sie kreierte einfach, fand irgendwie heraus, was sie an Techniken brauchte. 1979 war eine erste Ausstellung, sie wurde auch Mitglied der Schweizer Künstler Vereinigung und später der International Assoziation of Hand Papermakers and Artists. Als ihr Mann 1985 Chefarzt in Heiden wurde, baute die Familie dort ein grosses Haus mit Atelier.

In Laos und Kambodscha neue Techniken gelernt

Eine nächste Zäsur in ihrem Leben war, als in den neunziger Jahren ihre Ehe zerbrach. Plötzlich allein in dem grossen Haus, kniete sie sich in die Kunst hinein, ging auf Reisen, lernte das traditionelle Papierschöpfen, in Laos, Kambodscha, Vietnam, China. Bei einem Besuch des New York Museum of Modern Art entdeckte sie durch Werke von Jasper Jones die Arbeit mit Bienenwachs. Auch die Arbeit mit Papier wurde immer wichtiger. Sie fand eine alte Vorrichtung, womit man mit altem Zeitungspapier Briketts machen konnte. Das Papier war dabei auch Informationsträger, Träger von Geschichten, auch Auseinandersetzung mit ihrer nicht einfachen Biografie. Immer mehr ging es um eine Vorstellung von Verwandlung, von Tatsachen zu akzeptieren, um daraus etwas Neues zu machen. «Die Geschichten lasse ich sinken, bis sie versickert sind. Was bleibt, ist der Prozess der Verwandlung hin zu einer neuen Wahrnehmung, einer neuen Bedeutung», so Regula Baudenbacher einst.

Herausragendes Beispiel ist der im Park des Schlosses ausgestellte grosse Würfel. Vom September 2001 bis August 2002 schöpfte sie alles Papier, was ins Haus kam, auf grosse Blätter, machte damit einen hundert Quadratmeter grossen Geschichtenteppich, fixiert im Boden, liess diesen einen Monat der Witterung ausgesetzt. Später machte sie daraus den Würfel. In gewisser Weise ist nun alles, was in diesen zwölf Monaten passierte, in diesem Würfel enthalten, etwa «Nine Eleven» das Swissair Grounding, Krieg in Afghanistan und mehr. Annehmen von Schwierigem, verwandeln in etwas Positives, in Kunst, wurde zum Hauptthema ihrer Arbeit.

Im Februar 2013 bekam die Künstlerin eine Krebsdiagnose, lebte noch knapp dreieinhalb Jahre. Die Aussicht auf die Jubiläumsausstellung zu ihrem 70. Geburtstag auf Schloss Wartegg erlebte sie noch. In ihren letzten Monaten schuf sie die reifsten Werke. «Sie war eine sehr seriöse Künstlerin, vor allem in den letzten 25 Jahren. Ihre Arbeit ist qualitativ sehr stark, konzeptionell sehr stark und sehr persönlich, sie machte Kunst, weil sie es zum Überleben brauchte», sagt Felix Baudenbacher. Zur Ausstellung sind auch die Bücher «Experimentieren mit Wahrheiten» und «Was bleib, ist die Essenz» erschienen.

Hinweis

Die Ausstellung ist bis Donnerstag, 30. November, zu sehen.

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